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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-20 · Heft 25 (20.6.1871) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 25 (20.6.1871)
Date
1871-06-20
Page
Seite 507 (sequence 19)
Language
German
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507 compagnieweise zum Sturme vor, als wir auch von einem kleinen Wäldchen links mit Kugeln begrüßt wurden. Jetzt hieß es: „Unteroffizier O. vor" und ein halber Zug von uns wurve in das Wäldchen zu gehen commandirt. Doch wir wurden dermaßen mit Kugeln überschüttet, daß, als wir trotzdem Mann für Mann immer vorwärts stürmten, Einer nach dem Andern fiel und ich dicht vor dem Wäldchen auch zusammen brach. Co lag ich da und noch lange tobte der Kampf, schlugen die Kugeln in meiner Nähe ein, zersplitterten die Bäume und testeten noch so manchen in meiner Nähe liegenden Verwundeten, da unsere Leute erst Nachts die Stadt nehmen konnten. Jeden Augenblick dachte ich meine letzte Minute zu erleben, doch der liebe Gott beschützte mich und eine mitleidige Seele nahm mich endlich Abends 8 Uhr auf ihre Schultern und trug mich zur Verbaudstation. Glücklicherweise war die Wunde nicht gefährlich, kein Knochen verletzt, und nach der sehr schmerzhaften Herausnahme der Kugel, nach einer mehrmonatlichen Leidenszeit im Lazareth, bin ich wieder so weit hergestellt. Noch dazu wurde mir die hohe Freude zu Theil für mein furchtloses, energisches Vorgehen und Verhalten bei Chateaudun mit dem eisernen Kreuze decorirt zu werden." So weit der Erzähler selbst, aber von seinen Angehörigen erfuhr ich noch so manche von ihm verschwiegene interessante Einzelheiten. So zeigten mir dieselben einige Briefe, die von einem Bauer aus Frankreich kamen, wo Moritz durch das tactvolle und menschenfreundliche Benehmen bei dort mit seiner Mannschaft ausgeführter Requisition eines Faß Wein rc. sich auf immer die Herzen der ganzen Familie eroberte. Der erste Brief war eine Erkundigung bei den Eltern des jungen O., ob ihr Sohn, der liebenswürdige und so schön französisch sprechende Preuße (dem sie bei einem von ihnen noch immer geglaubten Rückzuge der Deutschen gern ihr Haus zur Verfügung stellen würden), noch am Leben sei. Als darauf von dem Gefragten eine Antwort mit Schilderung seiner Erlebnisse hinging, kam ein zweites Schreiben des Herrn Grandcollas aus Gripport, worin Dank gegen Gott, „der die Braven beschützt", von den jungen Töchtern ausgesprochen wird, denen der gute deutsche Soldat gesagt, daß er zu Haus auch zwei Schwestern habe, und wo von dem jungen Sohne berichtet wird, daß er jetzt fleißig deutsch lerne, um später seinen Freund Maurice in seinem Hotel in H. besuchen zu können. Auch herzliche Grüße vom dortigen Maire waren beigefügt. — Solche Briese, sie sind sprechende unschätzbare Beweise, daß deutsche Bildung und Gemüthstiefe einen bleibenden Eindruck hinterließen, und daß die verblendeten Franzosen unsere herrliche Armee nicht mehr für aus Barbaren, sondern aus anderen Bestandtheilen zusammengesetzt halten werden. — Noch gar manche interessante Erlebnisse erzählte mir der junge Krieger bei späteren Begegnungen, vom Kriegsminister Roon, vom Reichskanzler Bismarck, und vor allem sprach er mit Begeisterung von unsrem allverehrten Könige und nunmehrigen Kaiser. — Merkwürdig war auch ein Brief seines in New-Aork wohnenden um einige Jahre älteren Bruders, worin dieser am Abend des Gefechttages bei Chateaudun von seiner Ahnung und von dem nicht zu bannenden Gefühle sprach, daß sein Moritz heute verwundet worden sei und die schleunigste Nachricht darüber verlangte. Alle Briefe dieses in der Ferne weilenden Bruders waren ein Abbild der in New-4)ork unter den dortigen Deutschen herrschenden patriotischen Stimmung, voll glühender Liebe für das alte Vaterland, voll von Bedauern, daß er durch seine dortigen Verhältnisse verhindert sei, nicht auch mitkämpfen zu können „den heiligen und gerechten Krieg". Ja es war ein heiliger und gerechter Krieg, da er durch „die Pflicht der Bertheidigung" gegen französische Anmaßung und Mißgunst uns aufgezwungen ward: es kann der Beste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Die Wogen der Begeisterung durchflutheten das Volk und namentlich 'in den großen Städten, wie Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart, vor allen aber München, auf das alle Blicke gerichtet waren, und in welchem in der Stunde der Entscheidung ein jugendlicher, für das Ideale schwärmender König residirte, gelangte eine Stimmung zum Ausdruck, die mehr als begeistert, die eine religiöse und feierliche genannt werden kann.*- Die in Deutschland so lange gehegten religiösen Gegensätze, die Eifersüchteleien der Stämme, die Verschiedenheit von Nord und Süd, sie waren alle auf einmal verschwunden. „Der König rief und Alle, Alle kamen". Noch einmal kehren wir zu unfern: einjährig freiwilligen Krieger zurück. ES war an einem Samstag, (einige Wochen nach meinem hier geschilderten Besuche in den schönen Räumen des Hotels, wo der kranke Vater und der noch nicht ganz genesene Sohn noch so sehr der Pflege bedurften), als der letztere seinen ersten weiteren Ausgang wieder machte. Hatte derselbe während deS Krieges im Dienste des Vaterlandes den speciellen Vorschriften seiner Religion selbst an den höchsten Feiertagen nicht genügen können, so rief ihn heute, vom Dienste befreit, Herkommen und Pflicht, vor versammelter Gemeinde seinen Dank gegen Gott, der ihn wunderbar errettet, auszusprechen. Es war ein ergreifender Moment, als der junge Moritz O. langsam die Stufen hinanschritt, die Brust mit dem eisernen Kreuze geschmückt und den Segen über die Thora sprach, dieses Panier, für das wir durch die Nacht von Jahrtausenden unzählige Schlachten gestritten. Haben wir auch gar manche Schlacht verloren, Glück, Habe, Ehre, Freiheit und Blut im Kampfe oft für sie hingeopfert. so haben wir doch die Fahne *) Wie unrecht thaten so Viele, die unsere Zeit eine wärerielle naimren uub ihr die Kraft des Aufschwungs für eine Idee gänzlich absprachen-

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