Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 506 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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506 fließen geheißen. Sie schöpft Wasser und reicht'S dem Kinde; es trinkt und belebt sich neu. — Die SDfaitter: Ich schöpfe mit freudezitternder Hand, Und auf die welken, versengten Glieder Ström' ich ihn aus, den erfrischenden Quell: Sein Antlitz wird hell. Hell und frisch, wie auf Hermons Au Die Lilie, wenn sie umfließet der Thau. Nicht genug kann sie Gottes Güte rühmen und preisen, und die Freude begeistert sie dermaßen, daß die Oede ihr plötzlich ein Eden erscheint: .O himmlische Quelle, Thau vom Hermon fließt nicht so süß! — Heilige, gottgesegnete Welle! Ein reiches, ein schimmerndes Paradies Scheint mir rings die Wüste zu blühen, Goldne Wolken darüber hin ziehen. Alles Leid ist in Freude, aller Schmerz in Lust gewandelt, und dafür möchte die Hochbeglückte dem Engel danken, der rettend eingetreten. Doch er ist entschwunden. Sie härmt sich ob dieser Wahrnehmung und mehr noch darüber, dem Herrn nicht opfern zu können: Ach, keinen Altar kann ich hier errichten Und reiche Opfergabe drüber schichten Dem Herrn des Lebens, der mich gerettet, Als ich in Todeßbanden arg gebettet. O, groß ist er und stark, und seine Güte Weit wie der Himmel, freundlich wie die Blüthe. Er ist mit uns, er wird uns ferner leiten Zu frischen Wassern, zu grünen Weiden- — Sechstes Bild. Die Wüste ist geschwunden, die Luft kühler geworden; der Fuß wandelt auf grünen Matten dahin, das Ohr hört Quellen rauschen, Vögel singen, das Auge sieht blühende Thäler, wogende Felder; in der Ferne zeigen sich blaue Berge, liebliche Auen, in ihrer ganzen Herrlichkeit entfaltet sich die lachende Erde. Die Mutter zeigt sie dem Kinde, das sie hoch in die Höhe gehoben: Schau hin, mein Kind, in ihre reiche Pracht: Dort sollst du einmal stolze Zelte bauen; Auch dein ist sie mit ihrer vollen Lust, Du Schmerzcnssohn, du armes Kind der Wüste! O wirf dich jubelnd hin an ihre Brust Und grüße deines Landes grüne Küste! Erkämpfe frisch und muthig dir, was dein! Wohl möcht' es stolze Willkür dir entreißen, Ein wilder Streiter wirst du einmal sein — So hat es Gott, der Herr, mir einst verheißen. In diesem Schlußbilde läßt also die Dichterin, wie man sieht, die Mutter Jsmaels den Blick zugleich rückwärts wie vorwärts richten. Hagar ruft sich (wie wir in den eben citirten Versen gelesen) das in's Gedächtniß zurück, was bei ihrer ersten Verbannung, über welche das 16. Capitel der Genesis ausführlich berichtet, vom Engel Gottes ihr verheißen worden, und eben dieses sieht sie, das Auge ihres Geistes in die ferne Zukunft schweifen lassend, an ihrem Sohne jetzt schon sich erfüllen. Weil Jsmael ihr aber als „ein Strahl von AbrahamS edlem Geiste" gilt, weil sie ihn zu Abrahams „reichen Erben" zählt, darum soll an ihm auch die Verheißung sich bewähren, die an Abraham selber ergangen ist: Unzählbar, wie der Sand am weiten Meer, Soll sein Geschlecht auf Erden sich verbreiten, Unzählbar, wie der Sterne goldnes Heer, Die droben im goldnen Raume weiden. Die ausgerichtete und begeisterte Mutter heißt ihren Sohn nunmehr eintreten „mit seinen heiligen Rechten" und prophezeiht ihm, ein „Würger" zu werden „für die Stolzen und die Schlechten"; sie heißt ihn kämpfen um sein Glück und will mit eigener Hand die Stätte ihm bereiten helfen, dann aber still sich zurückziehen in der Wüste Dunkel, um hier einsam zu verbluten. Ihr Herr soll seinem Heil zum Opfer werden. — Sie schließt endlich: Ein Opfer! — Ha, wie freudig flammt' ich auf! Wie blühen in dem Schmerz so sel'ge Wonnen! Und ob in Thränen endet auch mein Lauf, — Ich tränk' den Tod aus reinem Himmelsbronnen! — Aus all' den wörtlich angeführten Stellen der Dichtung dürfte der Leser wohl mit Befriedigung ersehen haben, wie die Dichterin bemüht gewesen, allenthalben, wo es sich nur thun ließ, an der Sprache der heiligen Urkunde, in der sie wohl bewandert ist, so viel als möglich festzuhalten. Aus den Zeilen des jüngste» Krieges. Von Louis Lehmann. (Schluß.) „Aber ich will nicht länger bei subjektiven Empfindungen verweilen, so oft sich diese auch im Kriege einstellen und von so manchem als Ahnungen zukünftiger Erlebnisse aufgefaßt werden. Wir marschirten also weiter und hatten am 11. October die Schlacht und Nachts die Erstürmung von Orleans. Es war dies nach dem jüdischen Calender am zweiten Tag des Laubhüttenfestes. Wir blieben noch eine Woche da. Am letzten Tage jenes Festes, wo es sonst daheim so fröhlich hergeht, hatten wir die Erstürmung von Chateaudun. Ich dachte nicht, daß wir in's Feuer kämen, da gar keine Anzeichen dazu vorhanden waren, und doch lag ich schon Mittags um 1 Uhr ganz im Blute, von einer Franctireurkugel mir in's linke Knie geschossen. Wir glaubten Chateaudun nur von einer kleinen Franctireurbande besetzt und rückten