Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 508 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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508 hoch gehalten und sie gerettet. — Die Nacht der rohen und der mittelalterlichen Zeiten, sie ist geschwunden, eine neue Zeit ist hereingebrochen, die auch uns Juden gerecht geworden ist, die aber auch gesehen, daß wir im Dienste des Vaterlandes mit allen seinen Söhnen im Darbringen von Opfern gewetteifert haben. — Noch einmal wurde die Stimme des zur Thora gerufenen laut vernehmbar: „Gelobt seist du Gott, du Weltenherrscher, der du mich errettet und mir so viel Heil hast zu Theil werden lassen." Und die Gemeinde erhob sich und rief dem Sprechenden einstimmig entgegen: „Er, der dir so viel Heil erwiesen, er möge dir auck ferner gütig sein!" Uno mit diesem Wunsche schließe auch ich meinen Bericht: „Gott, der seinem Volke Glück giebt, er gebe ihm auch Frieden!" Kuriosum. Der letzte Ulas hinsichtlich der Tracht der Juden wird mit unerbittlicher Strenge durchgesührt; selbst fremde Unterthanen, wie österreichische Juden, werden davon nicht versclwnt, wie folgender der „Thorn. Z." mitgetheilte Vorfall beweist. Der Schiffer Knopf aus Ulanow in Galizien kam mit seinen Traften am 9. Mai c. durch Gora Kalwary bei Warschau, und war eben im Begriff. seine Einkäufe an Lebensmitteln zu besorgen, als ihn ein Polizist erwischte, dein die langen, schöngepflegten Locken des Juden ein Dorn im Auge waren. Ohne Weiteres wurde der pp. Knopf zur Polizei gebracht und wm auf seinen Protest, daß er Galizier sei, auch einen österreichischen Paß bei sich führe, ins Gesicht gelacht, während ein Beamter den Lockenkneifer herbeiholte. Da der Jude sich zur Wehr setzte, wurden ihm von zwei Beamten die Hände auf dem Rücken feftgehalten, darauf schnitt ihm der Bürgermeister höchst eigenhändig in kunstgerechter Weise die Locken ab, nahm ihm das geweihte Käppchen vom Haupte und zerschnitt es derart, daß die Stücke umherflogen. Darauf wurde der arme Mann mehr todt als lebendig an die Luft gesetzt, welcher nichts Eiligeres zu thun hatte, als sich ein neues Käppchen zu kaufen, um damit feine Schande zu bedecken. Zu seinem Unglücke erwischte ihn dabei der erste Polizist, brachte ihn wieder zur Polizei, woselbst ihm der Bürgermeister das neue Käppchen in kleine Stücke schnitt, und ihn selbst in's Polizeigefängniß sperrte, aus welchem den Mann erst ein angesehener Bürger der Stadt befreite. In Warschau angekommen, ging der pp. Knopf zum österreichischen Consul und führte Beschwerde, wurde jedoch mit dem Bescheide abgewiesen, „Rußland sei groß und der Zar weit, im Uebrigcn werden die Locken nach dem Scbnitt desto schöner wachsen." jGlaubens - Fanatismus.) Der Ungarische Lloyd erzählt: „Vor Jahren hatte sich in Preßburg ein junger Bursche christlicher Abkunft zum Judenthum bekehrt. Er ließ sich in die Labyrinthe der jüdischen Religionsforschung einführen und hing mit ganzer Seele an seinem neuen Glauben. Spater erhielt er eine Stelle im Geschäftshause eines Wiener orthodoxen Juden, in dessen Tochter er sich verliebte. Er war ein anständiger Mensch von musterhaftem Betragen, sehr talentirt und glaubte sich berechtigt, um die Tochter seines Chefs werben zu dürfen, deren Gegenliebe er gewonnen hatte. Allein der Chef konnte die christliche Abstammung seines Comptoiristen nicht vergessen und beschied diesen abschlägig. Der junge Mann ward mit der Zeit Eigenthümer eines Geschäftshauses von gutem Namen; er liebte noch immer die Tochter seines früheren Chefs und hielt abermals um deren Hand an; allein ihr Vater blieb unbeugsam und verfluchte seine Tochter für den Fall, daß sie das Weib eines gewesenen Christen werden sollte. Die berühmtesten ungarischen Rabbiner kamen in das HauS des strengen Glaubenseiferers, suchten ihn von seinem Schwure zu absolviren, baten, flehten — Alles vergebens. Es blieb nichts übrig, als die Tochter großjährig erklären zu lassen und ihr so die Heirath mit dem Manne ihrer Wahl zu ermöglichen. Was that ihr Vater? Er sagte, daß seine Tochter gestorben sei, legte Trauerkleider an, setzte sich nach altem Brauche auf einen niederen Schemel und beweinte so seine Tochter sieben Tage lang." vermischtes. Die statistischen Jrrthümer, wenn sie einmal in die Oeffentlichkeit getreten, pflanzen sich fast unausrottbar weiter. Wir kommen noch einmal auf die Seelenzahl der deutschen Israeliten zurück. Die „Rumänische Post" giebt, selbstverständlich nach anderen Blättern, für die eonfesstonellen Verhältnisse im neuen deutschen Reiche folgende Zahlen an: 24,-253,000 Protestanten, 14,551,000 Katholiken, 1,327,000 Israeliten, Dissidenten rc. Wir wissen im Augenblicke nicht, ob die beiden ersten Zahlen richtig sind, die Zahl der Israeliten, obschon die Dissidenten mit ihnen in einen Topf geworfen worden, ist durchaus falsch. Nach der Volkszählung am 3. December 1807 gab es im gesammten preußischen Staate einschließlich der neuen annectirten Provinzen 15,614,590 Evangelische, 7,950,679 Römisch-Katholische, 313,156 Juden. Dissidenten dagegen aller verschiedenen Secten 92,156. Rechnen wir zu den 313,000 preußischen Juden 25,000 in den übrigen Ländern des norddeutschen Bundes, wo nur Hamburg und Mecklenburg ein ansehnliches Contingent stellen, 50,000 in den vier süddeutschen Staaten, in Elsaß und Deutsch-Lothringen zusammen 46,300 snämlich im Consistorialsprengel Straßburg 20,800, Colmar 17,000, Metz 8,500), so erhalten wir im ganzen neuen deutschen Reiche 454,300 Juden. Mögen endlich solche falsche Zahlen aus der Oeffentlichkeit verschwinden. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. D. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redacteur Dr. H. Lotze.