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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-20 · Heft 25 (20.6.1871) · p. Seite 505

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 25 (20.6.1871)
Date
1871-06-20
Page
Seite 505 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Femlleton-Seilage )u Nr. 25. Leipzig, den 20. Juni 1871. Hagar in der Wüste. Referat von Loui'S Weyl in Frankfurt a. d. Oder. (Schluß.) Drittes Bild. Doch bald ist die Unglückliche wieder erwacht, um zu ihrem größten Schrecken zu gewahren, daß Alles nur Traum und nichts als eitel Hirngespinst gewesen. Die traurige Wirklichkeit starrt sie furchtbar grinsend an, und die auf den Gipfel gesteigerte Verzweiflung treibt sie zu dem äußersten Schritte, ihr Kind unter einen Distelstrauch in den Sand zu legen und es da seinem eigenen Geschicke zu überlassen, sich selber aber zu entfernen, um des Knaben Tod nicht zu sehen, den sie nunmehr jeden Augenblick sicher erwartet (Gen. 21, 16). — Die Dichterin jedoch läßt, von der Schrift abweichend, die Mutter, immer wieder zu dem Sohne zurückkehren und hier allerlei versuchen, oder wenigstens allerlei denken, um das Leben zurückzuhallen. Sie will über das Kind sich beugen, um ihm kühlenden Schatten zu geben, will die Brust sich zerfleischen, um mit ihrem eigenen Blute den verschinachtenden Knaben zu tränken, will selbst mit dem Würger ringen, um aus seinen Klauen das ihr so theure Leben zu erretten. Wir hören sie ausrufen: Tod, Tod, du mußt mein Kind mir lasten! Was hat es denn gethan? O fast' es nicht so grausam an! Und dann noch mit gesteigerter Heftigkeit: Tod, du mußt mit der Mutter streiten, — Sie will es nicht leiden! Doch, umsonst. Das Kind wird kalt und immer kälter. Die Hand zuckt, das Auge verzerrt sich, die Brust röchelt. Da will sie, die verzweifelte Mutter, hinausrufen in die Wüstenei, will um Hülse schreien. Doch wer wird sie hören? Denn: Oede und stumm Alles ringsum. Da sieht sie eine Gazelle hineilen zur Quelle und ruft ihr nach: „O, nimm uns doch mit!" Und einen Adler sieht sie in die Lüfte emporsteigen und fragt, ob er ihre Klagen wohl mit hinauftrüge zu Gott, der ja so weit ist? Sie möchte weinen, um mit dem Naß ihrer Augen die junge zarte Blume zu erhalten. Doch, vergebens! Der Quell ist versiegt, die Unglückliche hat keine Thränen mehr. Was bleibt ihr nun übrig? Nichts weiter als mit dem Kinde zu sterben. Sie will es auch: Furchtbarer Tod! ich Hab' mich ergeben! Hier ist das Kind, — es schwind' auch mein Leben! Viertes Bild. Doch wo die Noch am größten, ist oft die Hülfe am nächsten. Hier ist sie schon da, vom Höchsten gesandt aus seiner heiligen Schaaren Mitte. Der Bote Gottes tritt auf. Hagar ist wie aus einem langen Traum erwacht; sie sieht des Himmels Thor erschlosten, sieht den Engel niedersteigen und hört ihn sprechen (treu nach Gen. 21, 17. 18): Was ist dir, Hagar? Auf, und fürchte nicht! Jehovah hat gehört des Kindes Flehen, Hat deine Liebe, deinen Schmerz gesehen; Es geht sein Geist auch durch der Wüste Sand. Steh' auf und nimm den Knaben an die Hand! Es soll die .Kraft der Liebe nicht verwehn, In deinem Sohne soll sie neu erstehn, Aus ihm, der sterbend liegt in deinem Schooß, Macht Gott ein Volk, das mächtig wird und groß. Die so Angeredete mag ihrem Ohre kaum trauen, ihr Staunen kennt keine Grenzen; sie ist wie neu belebt, fühlt sich wieder muthig, frei und stark, hebt das Kind in die Höhe und trägt es fort mit den Worten: Ich trage dich, mein Kind, auf meinen Armen, Der Engel Gottes schreitet voll Erbarmen Den Weg voran im leuchtenden Gewand - Und streuet Rosen auf den dürren Sand. Wie Morgenröthe strahlt's von seinen Flügeln, Sie säuseln, wie ein Hauch von Kanaans Hügeln; Wie Thau und Schatten fließt vom Cederbaum, So weht und kühlet seines Kleides Saum. Fünftes Bild. Das Brünnlein gewahrend (Gen. 21, 19 >, erkennt Hager dankend an, daß Gott es

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