Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 500 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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500 der letzten Volkszählung in Kroatien und Slavonien nicht mittheilen kann; aber ich weiß nur so viel, daß die Juden in Kroatien und Slavonien wiederum zu der slavischen Nationalität gezählt werden. Wo es also gilt seine Nationalität numerisch zu vergrößern, da sind die Juden willkommen und werden bereitwilligst in die Reihe der Nationen ausgenommen. Großbritannien. London, 10. Mai. (Privatmitth.) England, demjenigen Lande, in welchem sich der größte Freisinn mit der ängstlichsten Conservirung des Alten und Veralteten vereinigt, wo man bei aller persönlichen Freiheit den schwersten Druck des Hergebrachten noch immer trägt und duldet, hat sich in diesen Tagen durch sein Oberhaus wieder einmal glänzend blamirt. Bekanntlich darf an den englischen Universitäten Niemand als Lehrer fungrren, der nicht den Eid auf die 38 Glaubensartikel der anglicanischen Kirche abgelegt hat. Es wurde deshalb in den dreißiger Jahren, besonders durch die Freigebigkeit des Barons Goldsmid (Israelit), die freie Universität London aus Privatmitteln gegründet, an welcher Professoren nur nach der Tüchtigkeit ihrer wissenschaftlichen Leistungen, nicht aber auf Grund eines Glaubensbekenntnisses angestellt werden, und auch immer schon Lehrstühle von Juden besetzt waren. An den alten, reich dotirten, mit ausgezeichneten Bibliotheken und Manuscriptensammlungen versehenen und von den meisten englischen Jünglingen besuchten Universitäten Oxford und Cambridge können aber noch heute wegen jenes Eides nur Angehörige der Staalskirche fungiren. Daß dies ebenso der wissenschaftlichen Förderung der Studien nachlheilig, wie überhaupt ungerecht ist, braucht nicht gesagt zu werden. Das Unterhaus hat deshalb die Abschaffung dieses Eides mir großer Majorität votirt. In der gestrigen Sitzung des Oberhauses aber hat dies, wenn auch mit schwacher Majorität, das Gegentheil angenommen. Ter Marquis von Salisbury beantragte nämlich statt jener Eidesformel eine einfachere; in Zukunft soll nämlich ein jeder Professor oder sonstiger Universitätsbestallter feierlich erklären: „er wolle keine Meinung lehren, die den Lehren und dem göttlichen Ansehen der heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testamentes entgegengesetzt ist." Dieser Antrag wurde mit 71 gegen 66 Stimmen angenommen. Hierauf folgte ein zweiter Antrag desselben Mitgliedes des Oberhauses: keine Parlamsntsacte und keine Festsetzung abzuschaffen, welche für gewisse Universitätsstellungen eine Mitgliedschaft innerhalb der englischen Staatskirche erfordert, und dieser Antrag wurde mit 56 gegen 54 Stimmen angenommen. Es kann also auch fortan nur ein Angehöriger der anglicanischen Kirche an einer jener beiden Universitäten Stellung erhalten. Es läßt sich annehmen, daß dieser Widerstand des Oberhauses nicht lange mehr andauern werde; dazu ist das Unterhaus zu stark und die Mehrheit im Oberhause zu schwach. Auch wird dieser schwächliche Widerstand des Oberhauses gegen die Grundsätze der freien Wissenschaft und der allgemeinen Gleichberechtigung vor dem Gesetze die Opposition nur um so stärker Hervorrufen und entschiedener in ihren Forderungen machen. Es kann sein, daß durch diesen Widerspruch im Kleinen die bereits in Fluß gerathene Bewegung für die Beseitigung der anglicanischen Staatskirche (s. Nr. 21) nur schneller anwachsen wird. Vorläufig aber bleibt es beim Alten. *) *) In der „Neuen freien Presse" vom 14. Mai polemisirt der Londoner Correspondent d. Bl. insbesondere gegen den ersten Antrag des Marquis von Salisbury und zwar mit vollem Rechte. Die Wissenschaft darf durch solche beeidete Schranken nicht gefesselt werden, und nun noch dazu durch eine solche vage Bestimmung. Denn worin fänden die Einen, wie z. B. Herr Knaak und Genossen, nicht einen Widerspruch gegen die Bibel, während die Anderen durchaus keinen darin wahrnehmen? Wie weit oder wie eng kann nicht ein solcher Widerspruch gegen die Bibel gefaßt werden! Wie viele gläubige Theologen selbst sind schon des Widerspruchs gegen die Bibel geziehen worden, weil sie dieselbe nicht überall in der herkömmlichen Weise oder im Sinne einer anderen Partei auslegtcn. Jener Correspondent beruft sich aber auch auf Widersprüche in der Bibel selbst, zwischen den einzelnen Schriften derselben, ja in derselben Schrift. Er hebt hier hervor: „Weiß der Marquis v. Salisbury nicht, daß es im Alten Testamente eine Richtung der Eingöttcrei und eine Richtung der Vielgötterei gibt, eine lchovaistische und eine clohisüsche, welche letztere selbst in der geistlich so klug ansgedachten Luther'schen Ikbersetzung: „Herr der Hcerschaaren" noch leicht erkenntlich ist? „Gott der Götter" ist aber die richtige Uebertragung!" Dies geht wohl über die Grenzlinie eines Zeitungscorrespondentcn hinaus, und wir wollen