Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 498 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Deutschland gekommen sind. Die Deutschen behaupten , daß die Lehrwerse in den Seminarien jetzt eine oiel freiere, weniger gebundene und umfänglichere sei als vordem. Nun, auch hierüber wollen wir nicht urcheilen. Ob aber diese ängstliche Scheidung der Confessionen einen freieren Geist bekundet und ob die bekannten Regulative eine weniger gebundene Bewegung zulassen, wollen wir als fraglich dahinstellen. Daß der Klerus, der protestantische wie der katholische, mit diesen Einrichtungen sehr zufrieden ist, läßt sich voraussetzen. Ob aber die Bevölkerung denselben zujauchzt, ob dieselbe nicht bald ihren religiösen Frieden verlieren werde, ob namentlich die zahlreiche jüdische Bevölkerung sich von diesen Maßnahmen anziehen läßt, das ist eine andere Frage. Vielleicht geht man von dem alten Grundsätze aus: divide et impera. Wenn man uns die Aussicht eröffnet, vom 1. Januar 1873 an unter der Neichsverfassung zu stehen und bei dem Reichstage Beschwerde führen können, so iröstet uns dies wenig, denn wir sehen mehr, daß es im deutschen Reiche für die Juden darum besser steht. Man vergesse nicht, daß es sich hierbei nicht allein um Lehranstalten oder dergleichen handelt, sondern zugleich um die ganze bürgerliche Stellung, welche die Juden in den Augen ihrer christlichen Mitbürger einnehmen. Wenn diese die Jude» vom Staate als eine ausgeschlossene und hintenangesetzte Genossenschaft behandeln sieht, welcher man ohne Weiteres ihre bisherigen Rechte entzieht, so trägt sie dies alsbald aus alle Verhältnisse über, und man erinnere sich, daß man es mit der elsässischen Bevölkerung zu lhun hat, welche so leicht noch zu couseisionelleu Gehässigkeiten sich verleiten läßt, wie das Jahr 1S48 erwiesen hat. Kathkow (Hinterpommern), 6. Juni. (Privatm.» Unter den cilf aus der benachbarten Stadt Bütow im Heere dienenden Soldaten jüdischer Religion befindet sich ein Herr G u st a v S i l b c r m a n n, dessen tapferes Benehmen in der Schlacht bei Gravelotte durch das eiserne Kreuz belohnt' ward. In dieser Schlacht nämlich befand er sich in der Rahe des Fahnenträgers seines (des -19.) Regiments; demselben stand in der Dämmerung ein anderes preußisches gegenüber. Beide Regimenter, sich für Feinde haltend, feuerten furchtbar aufeinander; das -19., dem der Angreifer überlegen war, wich in ein Gehölz zurück, nur Gustav Silbermann hielt, deZ gewaltigen Kugelregens ungeachtet, Stand und mit ihm, durch seinen Muth angefeuert, der Fahnenträger und sieben Mann. Dieser Tapferkeit und Todesverachtung war es zu verdanken, daß der schreckliche Jrrthum bald erkannt und dadurch furchtbares Unheil, wenn nicht die Niederlage des deutschen Heeres in dieser Schlacht abgewendet wurde. Bald nach Beendigung der Schlacht sah Gustav Silbermaun denn auch seinen Hauptmann vor sich, welcher den Tapfer» belobte mit der Versicherung, daß seine Auszeichnung belohnt werden würde. Im April erhielt er das eiserne Kreuz. Grüneberg (Schlesiens 25. Mai. Heute verschied hier nach dreiwöchentlichen Leiden einer unserer auch in weiteren Kreisen bekannten Mitbürger, der Buch Händler vr. Wilhelm Levtzsohn, an seinem 56. Ge burtstage. 18-18 und 1849 Mitglied des Frankfurter Parlaments, wurde er wegen seiner Theilnahme au dessen Ucbersiedlung nach Stuttgart angcklagt, jedoch von dem hiesigen Geschworenengericht srcigesprochen. Trotz mannigfacher politischer und materieller Bedräng nisse der folgenden Zeit wußte er doch durch rastlose Thätigkeit seine bürgerliche Selbstständigkeit zu behaupten'und sich eine geachtete Stellung zu erwerben und zu sichern. Seiner politischen Uebcrzeugung blieb er treu und wirkte nickt minder für nationale Einheit und Freiheit, wie für die Entwicklung des Gemeindewesens, im engeren Kreise durch Wort und That -anregend und fördernd bis an sein Ende. Sein Tod ist darum ein schwerer Verlust für unsere Stadt. Sein ältester Sohn, der Schriftsteller Dr. Arthur Levysohn, früherer pariser Eorrespoudeut der Kölnischen Zeitung, wurde im Sommer des vorigen Jahres mit seiner Familie aus seinem Wohnsitz Asnieres vertrieben; sein zweiter Sohn Eugen fiel in der Schlacht bei Vionville vor Metz als tapferer Soldat neben seinem Geschütz. Ocsterrcicluschungarische Monarchie. Pest, 31. Mai. (Privatmitth.) Daß die Physiognomie der Verhältnisse sich gegenwärtig abermals geändert hat, ist nicht zu verkennen. Baron Eölvös war Idealist, hing von der einen Seite unbedingter Gewissensfreiheit, und andrerseits ans dieser heraus der Autonomie der Confcssioncn an. Hatte nun die