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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-20 · Heft 25 (20.6.1871) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 25 (20.6.1871)
Date
1871-06-20
Page
Seite 497 (sequence 9)
Language
German
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497 beugen! Konnten die Väter der Stadt Berlin sich nicht denken, daß, wenn auch Berlin sein Gewicht in die Waagschale legte, diese um so schneller sinken, und der Sieg der gerechten Sache gesichert würde? Da nun dieses letztere Motiv den Berliner Stadtverordneten ebenso nahe lag wie uns, so muß es doch wohl mehr confessionclle Engherzigkeit als jener Nützlichkeitsgrnnd gewesen sein, was jenen Antrag zum Falle brachte. Was uns zu diesem Urthcile berechtigt, das ist, daß nicht blos die Confessionslosigkeit der höheren Lehranstalten seitens der Berliner Stadtverordneten fern gehalten wird, sondern auch jede paritätische Behandlung der Juden. Unsres Wissens zahlt die Berliner Stadtcasse nicht einen Pfennig zu Gunsten der zahlreichen jüdischen Lehranstalten, noch zu irgend einem confessionell jüdischen Zwecke, während die Juden ein so bedeutendes Eontingent zu den Ausgaben der Stadt für ihre confcssionellen Schulen und Anstalten steuern. Möchte sich hier Berlin an anderen Städten, z. B. Cöln, welches die Gesammtkosten der jüdischen Elementarschule trägt und jetzt ein geräumiges Schulhaus für dieselbe baut, ein Beispiel nehmen, und sich nicht, wie bis jetzt Paris, einbilden, an der Spitze der Civilisation zu marschiren, bevor es solchen einfachen Forderungen der Gerechtigkeit genügt hat. Uebrigcnö haben wir nicht gehört, daß einer der jüdischen Stadtverordneten in nachdrücklicher Weise gegen diesen Beschluß gekämpft und protestirt hat. Wollen übrigens die klugen Väter der Stadt die Confessionalität ihrer Schulen bewahren, so mögen sie rechtzeitig daran denken, wenigstens der Parität zu genügen, denn diese wäre auf die Dauer das einzige Schutzmittel für jene. Berlin, 11. Juni. (Privatmitth.) Zur zweiten Synode haben sich ferner gemeldet: 26) Gemeinde Dresden, Advocat Lehmann; 27) Rabbiner Wittels höser in Floß (Bayern); 28) und 29 Eddingen (Bayern) Leopold Flesch, Vorstand, Lehrer W. Obermeier; 30) Gemeinde Cassel, Vertreter noch nicht genannt; 31) Landrabbiner Or. Dreyfuß in Meiningen. Colmar (Elsaß), 1. Juni. (Privatmitth.) Ob es zu den Grundsätzen gehört, auf welchen die deutsche ReichSregierung die Germanisirung des Elsaß und Deutsch-Lothringens stellen will, den Religionsfrieden unter den verschiedenen Confcssionen, welche diese Provinzen bewohnen, zu erhalten, oder sie durch Trennung und Rivalität einander zu entfremden, wollen wir nicht entscheiden. Sicher ist es, daß unter der französischen Herrschaft dieser ReligionSfciede durch völlig gleichmäßige Behandlung aller Confefsionen und durch deren Vereinigung in den höheren Lehranstalten sehr gepflegt worden. Es leuchtet ein, daß nichts wesentlicher auf den einträchtigen Verkehr wirkt, als wenn das Volk alle Confcssionen vom Staate gleich geachtet und gleich behandelt sieht, und derselbe den Bürgern hiermit täglich in factischer Weise zuruft: Ihr seid Kinder Eines Gottes und Eines Vaterlandes. Ebenso sicher ist cs aber, daß die bisherigen Schritte der deutschen Regierung einen ähnlichen Geist nicht verrathen, vielmehr das Gegentheil bezeugen. Den Beweis hierfür habenwir jüngst in unserer Stadt sehr deutlich erfahren. Wir hatten hier wie in Straßburg eine Normalschule, welche mit den vortrefflichsten Lehrmitteln ausgestattet war. Ein prächtiges geräumiges Gebäude, eine Bibliothek von 5000 Bänden, physikalische und chemische Apparate von ausgezeichneter Beschaffenheit u. s. w., auskömmliche Gehälter der Lehrer machten die Ausstattung unserer wie der Straßburger Normalschule aus. Diese Normalschulen sind Anstalten, welche auf gleicher Stufe mit den deutschen Seminaren stehen, jedoch mit dem Seminar auch eine Präparandenschule und zur praktischen Ucbung eine Elementarschule verbinden. Die deutsche Behörde hält diese Verbindung für nicht rathsam und will solche drei Anstalten nicht von einem einzigen Director abhängig machen. Darüber wollen wir nun nicht urtheilen. Aber diese Normalschulen waren für alle drei Confefsionen bestimmt, und protestantische, katholische und jüdische Jünglinge erlangten darin gemeinsam ihre Lehrerbildung, indem zugleich für die besondere religiöse Ausbildung besonders gesorgt war. Dies hat sich nun seit dem 20. April völlig geändert. Die Normalschulen wurden in deutsche, d. h. preußische Seminare verwandelt, die unsrige hier wurde streng protestantisch, die zu Straßburg streng katholisch — wir Juden ging leer aus. Die katholischen Jünglinge verließen Colmar und siedelten nach Straßburg über, und ihnen folgten sämmtliche jüdische Jünglinge. Sie müssen sich also unter den katholischen Lehrern, die größtenteils die alten bleiben, wohler fühlen als unter den protestantischen, die meist au- 25

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