Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 495 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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495 Kaiser vor, die Inden wünschen selber, daß der Vorfall ignorirt werde, weil sie sich eben ihrer Schuld bewußt sind. Wozu aber, wird man fragen, dieses Aufgebot von Jntriguen, Censurstückchen und Nechtsverdrehungen? Welches Interesse haben die Behörden daran, eine unparteiische Beurtheilung der Vorgänge zu unterdrücken? Waren all diese grausamen Metzeleien, Plünderung, Frauenschändung wirklich nur Ausbrüche der Glaubenswnth? Diese letzte Frage beantwortet sich schon durch den Umstand, daß nur Griechen, aber keine Rüsten an dem Attentate betheiligt waren, und noch mehr aus der vom Erzbischof Demetrius, dem Metropoliten von Odessa und Cherson,- gehaltenen und in Tausenden von Exemplaren abgedruckten Nere, worin er das Christenthum feierlichst davor verwahrt, als hätten die Mordbanden in dessen Namen, Aufträge oder auch nur Interesse die Gräuelthaten verübt, und worin er unter nachdrücklichsten Detesiirungen die Erklärung abgibt, daß nicht die mindeste Veranlassung, den religiösen Fanatismus zu reizen, vorhanden war. Die Griechen haben aus ganz gemeinem Krämerneid, aus Hab- und Raubsucht, aus angeborner Tücke das Osterfest nur dazu mißbraucht, um ihren thierischen Lüsten zu fröhnen. Diese Raublust ist schon seit Jahren in den Griechen Odessas latent, und schon früher wurde das Osterfest dazu ausersehen , um die Wuth zum Ausbruch zu bringen. Bei den Griechen ist es nämlich Usus, die Auferstehung durch Freudenschüffe zu signalisiren, die innerhalb des die Kirche umgebenden Gitters losgebrannt werden. Der Lärm dieses Festschießens wird aber in der Regel als Signal zu allerlei Excessen mißbraucht, so daß der Pöbel jedes Jahr mit Scheibenzertrümmerung und Steinwürfen seine Freude über die Auferstehung des Erlösers kundgibt, und da nun die Fensterscheiben der Juden stets als die würdigsten Ziele der Erlösungsfrcuden galten, so fanden schon früher kleine Skandale statt. Allein, solange Fürst Stroganow Gouverneur von Odessa war, wußte er dahin zu wirken, daß die Excesse keine größeren Dimensionen annahmen. Der gegenwärtige Gouverneur aber nahm die Sache leichter, blieb beim ersten Ausbruche der Unruhe (um n Uhr des 28. März a. St.) unthätig, die Polizei hielt sich fern, so daß Männer, wie Graf Lüdcrs, Fürst Dabischa, General Mittow nicht umhin konnten, ihre Verwunderung über die Gleichgültigkeit des Gouverneurs auszudrücken, denn diese waren Zeugen, wie vor den Augen des Statthalters Plünderung und Mißhandlung ausgeführt werden durften. Die Lauheit der Polizei war so augenfällig, daß selbst der wülhende Pöbel darüber stutzte und sich der Vermuthung hingab, der Kaiser selber wünsche den Exceß und habe den Behörden die Intervention verboten. Erst am vierten Tage ließ sich der Gouverneur herbei, die Ruhe mit Waffengewalt herzustellen, und da er nun, die Größe des Unheils überblickend, mit Recht eine schwere Ahndung seiner Unterlassungssünden fürchtet, sucht er einer genauen Untersuchung an Ort und Stelle auszuweichen und sorgt dafür, mit Mitteln, die ihm die Censur und der Bureaukratismus an die Hand geben, die Sache zu vertuschen und nur. entstellte Berichte an den Kaiser gelangen zu lassen. Wir halten uns daher vollkommen überzeugt davon, daß wenn der sehr gerechte und wohlwollende Monarch und die humanen Räche der Krone aus diesem Umwege der ausländischen Presse zur Kenntniß der wahren Sachlage gelangen, sofort eine Commission zur Untersuchung nach Odessa entsendet werden wird, und daß zu Mitgliedern dieser Commission nicht die Organe unserer jedenfalls nicht mehr unparteiischen Ortsbehörden gewählt werden dürsten. Nur eine unabhängige Presse und unparteiische Richter sind im Stande, das Recht und die Wahrheit wieder zur Geltung zu bringen. 8. Das Gcdenkbuch im kn Krieg tum 1870 -1871 für die kutschen Israeliten. Dieses von der Redaction der Allgemeinen Zeitung des Judenthums herausgegebene Gedenkbuch ist erschienen, an die Abonnenten versandt worden, und kann noch ferner das Exemplar gegen frankirte Einsendung von 15 Sgr. an genannte Redaction in Bonn frankirt in Empfang genommen werden. Dasselbe enthält: k) Gedenktafel, 2) Kriegskalcnder, 3) die Geschichte des Krieges, 1) religiöse Betrachtungen zur Erinnerung an den Krieg, 5) über den Antheil der deutschen Israeliten am Kriege, fi) erstes Berzeichniß der deutschen Soldaten jüdischer Religion und einen ersten Nachtrag zu demselben, 1) Verzeichniß der deutschen Soldaten jüdischer Religion, welche durch das eiserne Kreuz ausgezeichnet worden. Der Zweck dieses Buches ist zunächst ein allgemeiner, der sich in den Schlußworten des letzten Aufsatzes, wel-