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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-20 · Heft 25 (20.6.1871) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 25 (20.6.1871)
Date
1871-06-20
Page
Seite 494 (sequence 6)
Language
German
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494 hatte. Kein Consulat erhob die Frage, ob denn die verübten Frevel gesühnt, welche Genugthuung dem Gesetze, welche Entschädigungen den Schwerbetroffenen gewährt wurde. Ja noch mehr! Selbst die so arg mißhandelten Juden, in deren Gewohnheit es sonst nicht liegt, mit .Klagen sparsam zu sein, legen sich eine sehr befremdende Reserve auf und wetteifern gewissermaßen mit ihren eigenen Gegnern darin, den Verbrechern den Herostratesruhm zu schmälern und den Vorfall in Vergessenheit zu bringen. Das ist doch sicherlich höchst seltsam und reizt unsere "Neugierde in dem Maße aus, als uns die Absicht, hier etwas zu verheimlichen, nicht mehr entgehen kann. Oder war etwa der zugefügte Schaden nicht so erheblich, als man anfangs vermuthetc? Waren die Schilderungen, die man im ersten Schrecken von dem Vandalismus unserer Griechen entwarf, zu übertrieben? Ist etwa eine gerichtliche Untersuchung im Zuge, die sich vorderhand noch nicht für die Oeffentlichkeit eignet? Nichts von alledem! Denn so weit man heute in ruhigen Stunden die Verwüstung überblicken kann, sind nahezu -1000 jüdische Familien in Folge der Plünderung, welche volle drei Tage gewährt hatte, vollends an den Bettelstab gebracht; ermordet wurden etwa 16 Personen, gegen 66 sind schwer verwundet, Frauenspersonen wurden in der bestialischsten Weise geschändet; einer Mutter, die sich der gewaltsamen Entehrung ihrer Tochter widersetzen wollte, wurden die Ohren abgeschnitten, und die arme Frau starb an den Folgen der Verblutung. Jüdische Gotteshäuser wurden ausgeraubt, die Kirchengeräthe als gute Prise weggenommen, die Gesetzesrollen in grimmiger Wuth zerrissen und in den Staub getreten. Alle Schandthaten, deren man nur verthierte und verwilderte Kannibalen fähig halten möchte, sind von den Enkeln jener Hellenen verübt worden, welche angeblich der Welt die Gesittung gegeben. Und zu solch schwerer Beleidigung der Menschheit schweigen die Behörden, verhält sich die öffentliche Meinung so indifferent? Das muß einen Grund haben, der sich demjenigen, der unsere Zustände nicht kennt, entziehen muß. Ter Kaiser selbst — ich glaube, Ihnen dies verbürgen zu können — war gleich im Anfänge bereit dazu, mit aller Strenge Gerechtigkeit walten zu lassen, und ließ es nicht an Ordonnanzen sehlen, eine genaue Untersuchung einzuleiten. Die russische Partei an unserem Hose, welche die ganze Schmach, die dem Reiche durch die griechischen Excedenten angeihan wurde, tief empfindet, laßt es an nachdrücklicher Betonung ihrer Empörtheit über diese Brutalitäten nicht fehlen, und selbst die etwas wetterwendische deutsche Partei ist diesmal nicht abgeneigt, der Stimme des Rechtes Gehör zu geben. Dennoch scheitert jede Untersuchung an den beiden Umständen, daß einerseits die Juden, als die berechtigten Kläger, unter dern Einflüsse des behördlichen Terrorismus stehend, von jeder Entsendung einer Deputation nach Petersburg abgeschreckt werden, andererseits aber die Censur darüber wacht, daß sich kein wahrer Bericht über den Thatbestand in die Oeffentlichkeit wage. Selbst das Telegraphenbureau wurde in den ersten Schreckenstagen gemaßregelt; man nahm keine Depeschen über diese Affaire auf, und die Post ist selbstverständlich ein Organ der Polizei. Dagegen werden die Journale gewissermaßen dazu dressirt, die Thatsachen zu entstellen, und der Golos, ein Petersburger Organ der „deutschen Partei", entblödet sich nicht, das Werk der Lüge bis ins Abenteuerliche auszubauen. Wollte man dem Golos glauben, so hätte diesmal das Lamm den Wolf aufgefreffen, dann waren es die Juden, welche den Streit provocirt, die griechische Kirche erstürmt und geplündert, und die Griechen hätten nur einen Act der Nothwehr geübt. Aber auch damit begnügt sich die literarische Giftmischerei und Falschmünzerei der Journale nicht, die Barbarei der Griechen in Schutz zu nehmen und die Unschuld zu verlästern; man sucht vielmehr auch die russische Bevölkerung, die bisher stetö gutmüthig sich erwies, aufzuhetzen und „die Milch der frommen Denkungsart in nährend Drachengift zu verwandeln". Damit der Kaiser und der Minister nicht die Frage aufwerfen, warum denn alle Judenkrawalle nur von Griechen und nicht auch von Moskowitern ausgeführt werden, was doch sicherlich der Fall sein müßte, wenn die Juden wirklich den christlichen Gottesdienst verspottet und den Fanatisinus wachgerusen hätten, sucht man auch eingeborene Ruffen für das Werk des Haffes zu gewinnen, um den Griechen Complicen aus den Reihen der am Hofe mächtigen Partei zu verschaffen, was aber freilich bisher noch nicht gelungen ist. Aber die Lohnschreiberei thut einstweilen, was sie vermag, appellirl an die niedrigsten Jnstincte des Volkes, sucht die Leidenschaften zu entfeffcln, den religiösen Zelotismuö aufzureizen und weiß ihre Insinuationen auch bis vor -den Thron gelangen zu laffen. Während man einerseits die Juden cinschüchtert, daß sie keinen Laut der Klage vorzubringen wagen, bedient man sich dieser erzwungenen und ihnen im Wege des Terrorismus aufgenöthigten Passivität der Juden als des wirksamsten Arguments wider sie und stellt dem

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