Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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493 Leidenschaft sich .selbst verbrennt und dem Schöpsungstriebe einen neuen, wenn auch mit Asche bedüngten, fruchtbaren Boden frei läßt. WaS ist es nun besonders, was die Civilisation jenem niemals ganz zu bändigenden Zerstörungstriebe entgegenzusetzen hat? Es ist erstens die immerwährende Erweiterung ihres Kreises, und zweitens die Verbindung und Solidarität der ihr ungehörigen Nationen. Ihr bereits errungener Sieg erweist sich dadurch, daß jener früher so häufige Einbruch roher Volkermassen nichts mehr gegen sie vermag. Sie ist jetzt und zukünftig so wenig von Bölkerstämmen aus dem inneren Asien und Afrika, wie von den Indianern Amerikas und den wilden Horden im Innern Neuhollands bedroht. Sie hat den civilisirten Nationen bereits die straft und die Mittel gewährt, solche Angriffe leicht und ohne Erschütterung zurückzuweisen. Dies ist eine Thalsache, die überaus schwer wiegt und viele Zweifel Niederschlagen muß. Innerhalb ihres eigenen, immer wachsenden Gebietes aber hat sie hinlängliche Kraft erlangt, um den stets sich erneuernden Kampf siegreich zu bestehen. Es ist nämlich nicht zu verkennen, daß, da sie eben nur schritt- und stufenweise in ihrer Entwickelung vorwärts gehen kann, auf jeder dieser Stufen sich neue Kämpfe erheben, theils von der Seite derer, welche Zurückbleiben wollen, theils derer, welche ungestüm vorwärtstreiben; nicht zu verkennen, daß aus ihren eigenen Grundsätzen immer neue Verwickelungen und schwierige Verhältnisie entspringen, unter den bisher bevorrechteten und begünstigten und den bisher benachtheiligten, deren Lösung und Ausgleichung nicht ohne tief gehenden Streit erwirkt wird. Da entfesselt sich dann wieder die Naturgewalt der alten Leidenschaften, und es kommen Vorgänge und Scenen, wie wir sie eben erlebt haben. Aber während sich dergleichen in dein einen Volke abspielr, geht das Gcgcntheil in dem anderen vor, und die begründende und erhallende Kraft bringt unter den particularistisch gespaltenen deutschen Stämmen eine dauerhafte Einigung zu Stande, während die zerstörende in Frankreich ihre Orgien feiert. Und nun tritt die Solidarität der Nationen hinein, und von allen Seiten strömen der französischen Nation die Kräfte und Thätigkeiten der anderen zu. um schnell wieder herzustellen, was zerstört worden. Die Thore von Paris öffnen sich, und in wenigen Tagen ist eine halbe Million Menschen wieder eingedrungen, die Trümmer werden hinweggeschasst, die Schäden ausgebessert, und wenn auch die Zuckungen des Kampfes noch länger dauern und noch mancherlei Verwüstungen anrichten werden, die erhaltende Kraft der Civilisation wird, darüber siegen und einen neuen Aufbau bewerkstelligen. So wüsten wir die Dinge anschauen; und nun gilt es für uns, die besondere Frage zu beantworten: in dieser großen Geschichte der Civilisation, welche Stelle nahm und nimmt die Religion, insonders das Juden 1h uw, ein? welche Rolle hat sie gespielt und ist ihr für die Zukunft bestimmt? Denn auch hierüber sind der Irthümer viele im Schwange und werden von den verschiedensten Dächern gepredigt. lLchluß folgt.) Oie In-enversolgnng in Odessa. Seit dem in Nr. 18. d. Bl. gegebenen Berichte aus Odessa vom 1!. April haben wir keine weiteren Mittheilungen von dort erhalten, was uns um so ausfälliger war, als wir sonst gewohnt sind, von unsren Herren Correspondenten daselbst über jeden Vorgang ausführlichen Bericht zu erhalten. Es bestätigt sich unö daher, was im folgenden Artikel über das Stillschweigen Seitens der Inden selbst gesagt wird. Für um so gebotener holten wir es im Intereste der Sache dem folgenden Artikel der „Neuen freien Presse" aus Odesta vom 22. Mai auch unsererseits Verbreitung zu geben. Die Redaction. Eine ganz cigenthümliche Illustration unserer Zustände dürfte die gewaltsame Todtschweigung der an verwichenen Ostern durch die hiesige griechische Bevölkerung provocirten Iudenhetze gewähren. Man erkennt an diesem recht iustructiven Beispiele ganz deutlich, welche Gefahren die hierorts nocb immer blühende Präventivcensur den Civilisalionöbestrebungen bereitet, wie sie selbst der Iustizpslege hemmend in den Weg tritt und jedes Rechtsgefühl zu trüben vermag. Hat doch die gesammte europäische Presse von diesem beispiellos schauderhaften Acte der Bestialität seinerzeit Kenntniß gegeben, und ein Schrei der Entrüstung fand in der ganzen civilisirten Welt seinen Widerhall. Plötzlich verstummte jeder weitere Bericht über diese Asfaire, nirgends war auch nur ein Epilog zu lesen, der die zuerst gemachten Schilderungen jener Gränelscenen in irgend einein Puncte zu ergänzen oder nachträglich zu berichtigen unternommen