Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
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492 Civilisation geschehen, übersteigt fast die Barbareien jener Völkerhorden, welche ehemals aus dem Osten in die cultivirte Welt cinbrachen. Es war, als ob alle Ersvlge der Cultur, alle Erfindungen, alle Entdeckungen der Wifienschaft nur dazu dienen sollten, um die Werke der Bestialität auszuüben. Da drängte sich allerdings die Frage auf, welchen Werth in Wirklichkeit die Civilisation habe, wenn sie in ihrem eigenen Herzen solche Gifte bereite und auf ihren Aesten solche Früchte reifen? Seid Ihr wirklich sicher, daß andere Nationen in der Weiterentwickelung der Cultur nicht auch dahin gelangen werden, wo die französische, die „an der Spitze der Civilisation marfchiren" wollte, angelang! ist? Denn daß die letztere auch jetzt noch nicht zur Ruhe gekommen, daß auch auf diesen Trümmern der Kampf der Parteien, der Republicaner, Monarchisten und Imperialisten, erst recht entbrennt, eröffnet eine weitere düstere Aussicht. Die alte Sage, daß die Cultur nur einen Kreislauf beschreibe, und an dem einen Puncte aufstrebend erscheine, während sie an einem anderen niedergehend erlösche, daß sie einer Waage gleiche, deren eine Schale steigt, während die andere sinkt, wird von Neuem gehört. Das haben wir erfahren in diesem Jahre; sehen wir jetzt zu, wie wir es zu verstehen haben. Wer vom Standpunkte der gesummten Geschichte einen tieferen Blick in die Natur des Menschen wirft, der wird gewahren, daß in ihr zwei Gewalten, zwei mächtige Triebe vorhanden sind, die mit einander in steten: Ringen begriffen sind, sich bekämpfen und in mannigfaltigster Weise zur That gestalten: die eine ist die begründende und erhaltende, die andere die zerstörende. Beide sind vom Schöpfer in die Natur des Menschen gelegt, aber der Zerstörungstrieb ist nichts als eine rohe Naturgewalt, während der Trieb zu begründen und zu erhalten die sich entwickelnde und fortschreitende Civilisalion ist. Jener ist die wilde Leidenschaft, der ungefesselte Egoismus, der leine Schranke kennt als die seiner eigenen Gewalt, und der bis zur Wuth der blinden Bestie sich steigert, wenn ihn: die Befriedigung seiner Gelüste versagt ist. Die Civilisation beginnt mit dem ersten Werke, das sie schafft und das sie für Geschlecht auf Geschlecht erhalten, sortbilden und erweitern will. Sie ist eö, welche das Recht der Person und des Eigenthmns aufstellt, die Ordnung der Gesellschaft ausrichtet, den Schutz deS Schwächeren gegen den Stärkeren durch die Gemeinfamkeit, durch daS Gesetz bereitet, Gerechtigkeit und Humanität als die Bestimmung der Menschheit ausstellt, den Austausch der Erzeugnisse im Kleinen und Großen regelt, die Freiheit des Einzelnen durch das Recht der Gesammtheit beschränkt, aber auch hierdurch sichert, die Macht aller Einzelnen in die Macht der Gesammtheit aufgehen läßt und diese wieder zu Diensten aller Einzelnen bereit hält; die Civilisation erstrebt die Entfaltung aller menschlichen Kräfte, die Steigerung derselben nach der geistigen und nach der materiellen Seite, die Verschmelzung beider zu den Werken der Wissenschaft, der Kunst und des Gewerbsleißes; die Civilisation erstrebt die Ausgleichung der persönlichen und der allgemeinen Interessen, der persönlichen und der allgemeinen Rechte, sie erdrückt nicht die Triebe und Leidenschaften des Menschen, aber sie bindet sie durch das Recht, regelt sie in der Sittlichkeit und macht sie dienstbar den höchsten und edelsten Zwecken. DaS ist ein großes, schwieriges, nur durch die Jahrtausende allmälig zu erfüllendes Werk. Und dies um so mehr, je gewaltiger jener Zerstörungslrieb ist, in welchen sich der Egoismus, die flammende Leidenschaft, das gährende Gift der Herrschsucht, der Raubsucht, der entfesselten Wollust ergießen und zu einem dunklen, alle Ufer übersteigenden Strome immer wieder anschwellen. Dies ist der große Kampf. Denn die Civilisation besitzt nicht etwa einen Zauberstab, mit welchem sie Alles, was er berührt, zu ihrem unantastbaren Eigenthum macht, sondern oft weckt, was sie schafft und erringt, erst recht die Wuth des Gegners, und er bedient sich nicht selten der Mittel, welche sie für sich bereitet hat. Zunächst waren es initiier wiederholt die rohen Völkermassen, welche in die Grenzen der civilisirten Welt hereinbrachen, sie überschwemmten und zerstörten, und es galt dann wieder für die Civilisation, diese Völker zu überwinden und zu Trägern einer neuen Entwickelung zu machen. Dann aber erhebt sich ihr Gegner auch in ihrem eigenen Schoße, im Innern der Völker, treibt sie entweder zu gegenseitiger Beschädigung, oder facht die Wuth der Zerstörung in furchtbaren Bürgerkriegen an. Ja, hier richtet ihr Feind die eigenen Waffen gegen sie, stellt Grundsätze auf, welche den von der Civilisation geheiligten geradezu widersprechen, weckt Tendenzen, welche die Gesellschaft auslösen würden, und streitet nun im Namen dieser neuen Grundsätze und Tendenzen. Die Civilisalion muß daher oft ihr Werk von Neuem beginnen, die Zieste und Monumente ihrer früheren Phase sammeln und zu Grundsteinen ihrer neuen Entwickelung machen. Aber immer ist sie wieder siegreich, weil endlich der Mensch von der Zerstörung nicht existiren kann, jede