Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
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491 die Ergebnisse der Culturarbeit von Jahrtausenden und den Glauben an sie tief erschütterten. Der Krieg entbrannte. Gerade in der Dauer eines Monats, vom 2. August bis zum 2. September wurden acht große blutige Schlachten geschlagen, acht solgenreiche Siege von den Deutschen erfochten. Dies ist, obschon großartig, doch nichts Neues in der Menschengeschichte. Auch daß der Sieg auf der Seite des Rechtes und der Vaterlandsliebe war, daß der, welcher in Frivolität und Selbstüberschätzung angegriffen hatte, sofort zurückwich und von Niederlage zu Niederlage versank, kann uns nicht eine neue Erscheinung bedünken. Der gefallene Kaiser war nicht der erste Napoleon, der in die Kriegsgefangenschaft gerathen. Zwei Tage später war der Thron des CäsarS zusannnengestürzt, die Kaiserin sammt ihrem ganzen Anhange auf der Flucht. Wiederum erwies sich eine fast zwanzigjährige Herrschaft voll Pomp und Gewaltthaten als eitel und hohl auf dem französischen Boden. Aber das mußte überraschen, daß die französische Nation aus diesem Falle ihrer gesammten Heeresmacht und ihres ganzen Negierungsapparates nicht die Nothigung zum Frieden schöpfte, sondern nunmehr erst ihre ganze Leidenschaftlichkeit erwachte. Von hier aus hatte man den traurigen Anblick eines Volkskrieges, den man seit mehr als einem halben Jahrhundert in Europa nicht gekannt, und wie er so heftig, so voll Haß und Fanatismus auch 1813 weder von Seiten der Franzosen, noch der Deutschen entbrannt war. Ja, ein Neues, die Civilisation völlig Compromittirendes war es, hunderttausend Deutsche aus Frankreich nicht ausweisen, sondern vertreiben zu sehen, und zwar in härtester, schmählichster Weise, mit Nichtachtung aller schuldigen Rücksicht für Alter, Geschlecht, Hilflosigkeit und Krankheit, mit Zerreißung aller Familienbande, mit Verkümmerung so vieler bürgerlicher Existenzen. Immer von Neuem wurde das Volk aufgewühlt, Hunderttausende aus seiner Mitte ungeübt, schlecht bekleidet, noch schlechter mit Nahrung versorgt, in den Kampf geworfen, um niedergeschmettert, gefangen oder von Elend verzehrt zu werden. Herr auf Heer rückte in die Schlachtreihe, um ebenso schnell besiegt zu werden. Man rief den Guerillakrieg hervor, bildete Freischaaren aller Art, fachte den Haß des Bauern und Bürgers an, um hinterrücks den deutschen Soldaten zu tödlen. Repreffalien wurden nothwendig, Schonung nicht selten um der eigenen Sicherheit willen unmöglich. In Deutschland selbst wurde keinem Franzosen ein Haar gekrümmt. Es war ein entsetzliches Schauspiel, bei welchem nur die verhältuißmäßig kurze Dauer als Glück angesehen werden muß. Man mußte sich fragen: waS waren nun die Wirkungen einer mühsam errungenen Eultur, wenn sie vor dem anfsiammenden Zorn der Völker so schnell sich verflüchtigen? Der Ernst, die Würde, die Pflichttreue, die Tapferkeit und Ausdauer der deutschen Krieger siegte auch über diese Hindernisse. Ihre Heerführer verschonten das monumentale Paris, ja das monumentale Frankreich so viel es anging. Die Franzosen selbst übten schon damals von Paris aus diese Schonung nicht. Die Friedenspräliminarien wurden abgeschlossen. Wer hätte vorauösetzen sollen, daß nun erst die grauenhafteste Periode dieser ereignißschwangeren Zeit beginnen sollte? Statt daß das den Franzosen sonst so stark einwohnende Nationalgcfühl alle Parteien zu dem einen Ziele hätte treiben und vereinen müssen, das tief gesunkene Vaterland aus seinem Falle und Verfalle wieder anfzurichten, aus seiner gänzlichen Tesorganisatlon und Zerrüttung wieder herzustellen und mit energischer Kraftentwickelung seine Schäden zu heilen und die ihm auferlegten Lasten abzutragen, statt die vom ^gesammten Volke frei gewählte Nationalversammlung als die Vertreterin veS gesammten Bolkswillens zu betrachten und sich um sie zu schaaren, erhob sich ein furchtbarer Kampf um die Macht und Herrschaft, die bewaffnete Nationalgarde von Paris erhob eine Anzahl ruchloser Männer auf den Schild, und lieh ihnen der noch ohnmächtigen Execntivgewalt gegenüber ihre Unterstützung, um unter dem Vorwände der Gemeindeautonomie die Zersplitterung des französischen Staates in zahllose föderalistisch verbundene Communen, und die Herrschaft socialistischer Principien, die Umkehr aller bisher gültigen Grundsätze der menschlichen Gesellschaft in ihr Gegentheil zu bewirken. Noch hallt die Welt von dem furchtbaren zweimonatlichen Kampfe wieder , der sich jetzt zwischen Franzosen und Franzosen, zwischen Versailles und Paris erhob, der sich mit jedem Tage mehr erhitzte, mehr fanatisirte, grauenhafter wurde, als je einer zwischen den Söhnen eines Landes. Wie er endete, welche Metzeleien, welche teuflische Verbrechen, welche Verletzungen aller menschlichen Gefühle, welche diabolischen Thaten und noch teuflischere Absichten und Pläne hier zu Tage traten und vollbracht wurden, brauchen wir kaum anzudcute«, und noch heute Hallen die Gewehrsalven zu uns herüber,, durch welche die siegende Macht ihre Strafe und Rache an den Schuldigen auSführt. Ja, was dort an dem vermeintlichen Heerde der 25»