Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Blatte der Frage entgehen: was bedeuten uns diese großen Erlebnisse, und wie haben wir die Fragen zu beantworten, die sich uns über dieselben aufdrängen? Welch' ein verschiedenartiger Anblick bietet sich uns in diesein Momente diesseits und jenseits des Rheines dar! Hier schmückt sich die Hauptstadt mit allem Pomp und Glanz, um die hcimtehrenden siegreichen Schaaren, an ihrer Spitze den greisen kaiserlichen Fetdherrn, mit all den erprobten Heerführern trimnphirend zu empfangen — dort steigen unermeßliche Rauchwolken aus ungeheuren Ruinen der reichsten Werke der Kunst über die Hauptstadt zum Hinrmel auf. Hier ein großes, in allen seinen Stämmen,, in allen seinen bisher getrennten Zweigen geeinigtes Volk, einträchtig sich die Hände reichend und mit einer unermeßlichen Stimme in Jubel ausbrechend — dort das Ende eines fürchterlichen Bürgerkrieges mit unerhörten Greuelthaten auf beiden Seiten, mit einer immer noch nicht befriedigten Vernichtungswuth gegen einander, den brudermorderischen Stahl noch in den Händen der Lebenden wie der Todten. Hierein schnell aufgebautes Reich, eine wie im Nu erstandene und organisirte staatliche Einheit mit Kaiser, Bundesrath , Reichstag und allgemeiner Volkswahl, getragen von dem Gesammtwillen einer großen Nation — dort auch auf den Trümmern der bisherigen Centralisation, auf dem mit Blut überschwemmten Boden der Kampf der Parteien um das zerbrochene Staatöruder, wüster Hader um die zukünftige Herrschaft, die Leidenschaften der Rache und der Herrschgier in jeder Brust, verloren das Gefühl, die Liebe für das verlorene Vaterland! Worte deuten hier nur an, vermögen nicht auszumalen und zu erschöpfen. Aber wenden wir unsere Blicke von dem Bilde dieses Momentes ab und den Erfahrungen dieses Jahres zu. Die Welt lebte in Frieden und wiegte sich in Friedenshoffnungen. Nachdem die orientalischen Verhältnisie für längere Zeit geordnet schienen, die blutige Katastrophe in Mexico vorüber, der fürchterliche Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden der Unionsstaaten zu Ende war, die beiden rivalisirenden deutschen Staaten gemeinsam die Dänen aus deutscher Gemarkung getrieben und dann in einem kurzen Feldzuge den Streit unter einander auögefochten, die Staaten diesseits des Mains einen festen Bund geschloffen hatten, schien der Friede auf eine längere Zeit seinen Segen über die europäische Welt ausstreuen zu wollen. Streitfragen, die sich erhoben hatten, waren auf friedlichem Wege ausgeglichen worden. Zn jener Weltstadt an der Seine, also gerade in dem Lebensmittelpuncte der Nation, welche in Europa am öftesten zum blutigen Wassenstreite getrieben hatte, war ein Verbrüderungsfest aller Nationen der Erde gefeiert worden, in jener Weltausstellung, welche in noch nie dagewesenem Umfange die Arbeit und die Kunstfertigkeit aller Völker in friedlichem Wetteifer des industriellen Genius und der Thätigkeit zu Tage brachte, und so den Austausch aller Erzeugnisse, die materielle Einheit aller Erdbewohner symbolisirte. Alle Nationen und alle Negierungen hatten ihre Vertreter und ihre Fürsten dahin gesandt und waren gastfreundlich empfangen worden. Freiheit der Bewegung, Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, unbeschränkter Fremdenverkehr waren nie größer gewesen. Seitdem hatten sich die Negierungen im gegenseitigen Austausch der Friedenöversicherungen, freundlichster, einträchtiger Gesinnung erschöpft und von den Thronsesseln der Fürsten, wie von den Tribünen der Volksvertreter, gingen die zuverlässigsten Ausdrücke allseitigen Verständnisses immer wiederholt aus. Die Völker glaubten es, weil sie es wünschten, weil sie dessen bedurften. Die Arbeit, die Industrie, Wissenschaft und Kunst nahmen einen neuen Aufschwung. War dies Alles nur ein Schleier? nur eine Maske? Plötzlich fiel die Maske, zerriß der Schleier. In derselben Seinestadt brüllte ein fanatisirtes Volk nach Krieg, nach Vernichtung des Nachbarvolkes, nach einem Triumphzug in dessen Hauptstadt, nachdem sein Kaiser den ungerechtfertigsten Vorwand zum Kriege ersonnen und ausgesprochen hatte. In allen seinen Interessen, in seiner Freiheit, Selbstständigkeit und Existenz bedroht, mußte das deutsche Volk zur Abwehr auf Leben und Tod sich erheben. Der Krieg war da. Was hatten wir also erfahren? Daß die Völker noch heute am Gängelbande der Regierenden geleitet werden, daß diese Negierenden noch heute ein doppeltes Spiel treiben, eines mit dem Gesichte des Friedens im Lichte des Tages, ein anderes im Geheimen, hinter der Schaubühne, hinter dem Vorhänge, der die eigentliche Action verdeckt; endlich daß noch heute Völker von Herrschsucht, Kriegslust, Habgier genugsam erfüllt sind, um sich. blindlings in die furchtbarsten Kriege zu stürzen, nicht erwägend, welche zerstörende Feuersbrunst sie anzünden, wie viele 'Leben sie hinschlachten, wie viele Erzeugnisse mühsamer Arbeit sie zertrümmern, und ob sie nicht den mörderischen Stahl in die eigenen 'Eingeweide stoßen. Das waren traurige Erfahrungen, welche