Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1871)
- Date
- 1871-06-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine 25. Ein mah unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heran Sgcg eben von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 20. Juni 1871. Diese Zeilung erscheint wöchentlich einmal llnserat: werden mit I'/-, Pgr. " lungcii an Nick einmal Dienstags, in 2 bis 2'/2 Bo>w". Preis dcS Jahrgangs > THIr. Halbjährig 2 Thlr. vierteljährig für die Petitzcilc oder deren Maum berechnet. Alle Nuckbandlungc», Postämter lind ZcitungS^Expeditionen nehmen der Haupt Expcdilion ,'ür beide Letztere hat sich da« König!. Sächs. Haupt-ZcitungS.Bureau unterzogen. vierteljährig l^Tblr. 3 II i) tt l t. Leitende Artikel r Die Erfahrung dc§ letzten Jahres. I. — Die Iudeuverfolgnug in Odessa. — Das Eedenlbnch an den Krieg von 1S70 — 1 ST 1 für die deutschen Israeliten. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Lcip;ig, Berlin, Eolmar (Elsaß», Kathkow tHinterpomlnernI, (Arüncberg. -- O e st c r r ei ch i s ch - u n g a r i s ch e M e na r ch i c: Pest, Ans Ungarn. — Großbritannien: London. — Italien: Ans Oberitalirn. — Persien: Paris. Feuilleton-Beilage: Hagar in der Wüste. (Schluß). — Ans den Zeiten des jüngsten Krieges. jSchnst). — (£uriosum. —"Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, I I. Juni. Die Erfahrungen des letzten Jahres. i. Die siegreichen deutschen Krieger beginnen he'nnznkehren. Bald ist ein Jahr zu Ende, seitdem die Gerüchte eineS bevorstehenden Krieges zwischen den beiden ^Nachbarvölkern die ganze eivilisirte Welt mit Bangen und Schrecken erfüllten, und diese Gerüchte schnell zur traurigen Wirklichkeit wurden. Was wir seitdem erlebten, ist in dieser Verbindung, in dieser Größe und Furchtbarkeit unerhört in der Geschichte der Menschen. Es haben sich da Ereignisse und Erfahrungen während eines verhältnismäßig so kurzen Zeitraums in so außerordentlichem Maße gehäuft, daß viele Geschlechter an ihren Wirkungen und ihren: Inhalte zu zehren und sie zu verarbeiten haben werden. Aber auch schon unS, den Söhnen der Gegenwart, über deren Häupter dieser ganze Stllrnt dahingegangen, liegt es ob, so gut und so weit wir eö vermögen, diese gewaltigen Erlebnisse zu begreifen, ste uns verständlich zu machen und aus ihnen gewisse Überzeugungen zu ziehen. Die Einzelheiten zu untersuchen, richtig zu stellen und zu verwahrheiten ist nicht die Sache des Tages nach dem Geschehniß; aber in seiner allgemeinen Bedeutung das Ganze zu erfassen, die großen unwiderlegbaren Begebenheiten in ihrem Zusammenhänge mit der Vergangenheit zu ergreifen und über deren Ursache und Ziele uns Licht zu verschaffen, das können wir schon heute, ja das müssen wir schon heute. Wir müssen es aus zweifachem Grunde, zuerst weil wir als denkende Wesen die Dinge nicht über und ergehen lassen dürfen, ohne sie um ihre Bedeutung zu befragen, ohne sie in ihrem Wesen zu erkennen, und dann weil durch das, was wir erfahren haben, so viel an unseren wohlbegründeten Ueberzcugungen, an Resultaten langen Nachdenkens und Erlebens erschüttert worden ist, so viele Zweifel sich erhoben, daß wir uns einer tieferen und besonneneren Erwägung nicht entziehen dürfen. Religion und Civil isation, daS heißt wahre Religion und wahre Civilisation, sind uns in ihrem Wesen, in ihren Unterlagen, Triebfedern und Zielen Eines — wie könnten wir da, wo eine der beiden in ihrer Wirklichkeit und Wichtigkeit in Schatten gestellt worden, nicht ausgefordert sein, lnit dem Lichte der einen das Dunkel der anderen zu erhellen, wie könnten wir in einem der Religion geweihten