Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 487 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226823--29576-3252420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
487 man sie erst versteht, durch das Leben und die Energie, welche sich in ihnen überall kundgeben, einen großen Reiz auf den Hörer ausüben. Die Wirkungen, die ich beobachtete, entsprachen überall so sehr ven referirten Ursachen, daß der Beweis alles dessen, was er mir sagte, mir vor Augen zu liegen schien, und nachdem ich mich einmal mit dem Erstaunen abgefunden hatte, mitten in der sibirischen Wüste ein blühendes Judendorf gefunden zu haben, konnten mir die Schicksale nicht auffallen, welche diese Robinsonade herbeigeführt. Als die beiden Gatten sich in Irkutsk wiedergefunden, durchzogen sie nach den Anweisungen des Fürsten die weiten Landstriche, die deffen Familie gehörten, und mit dem natürlichen Scharfblick, welcher meinen Wirthen eigen war, fanden sie bald diese Gegend zwischen Selenginsk und Petropawlowsk, nördlich von der Straße, die beide verbinden würde, wenn sie vorhanden wäre, als geeignet, um sich anzusiedeln. Der Bruder Rächele's ging nach der Heimath zurück und kehrte mit den Kindern und einem Troß von Verwandten zurück, welche aus dem Elende ihres Vaterlandes durch die vielversprechenden Beschreibungen in die Freiheit der Wildniß gelockt wurden. Sie hatten es wahrlich nicht zu bereuen. In die Notwendigkeit versetzt, für die dringendsten Bedürfnisse selbst zu sorgen, wurden sie Ackerbauer und Handwerker, oyne den Handel zu vernachlässigen, der sich in diesem Theile des Landes noch treiben ließ. Das Dorf entstand und wuchs allmälig. Unter den wenigen Juden , welche über Sibirien zerstreut sind, verbreitete sich sein Ruf, und nach und nach erschienen Einzelne, welche in dasselbe ausgenommen zu werden wünschten. Koref und Rächele verfuhren hierbei sehr vorsichtig und nahmen nur auf, wer ihnen an Charakter und Arbeitskraft gefiel und die Bedingungen unterschrieb, die sie ihm stellten. So vergingen die Jahre und es wuchs dieser Ort heraus, von dessen Dasein freilich kaum in den nächsten Landstrichen etwas verlautete, eine Stätte einfachen Glückes, soweit dies dem Erdensohne vergönnt ist. Am anderen Morgen stand mein Wagen frühzeitig vor der Thüre, und Jeinkof, mein Lebensretter, der starke Held des Dorfes, saß wieder auf dem Bocke neben meinem erbärmlichen Kutscher, um uns so weit zu fahren, daß wir den Weg nach Petropawlowsk nicht wieder verfehlen konnten. Nach einigen Stunden war dies der Fall, und er machte sich zu Fuß auf den Rückweg, beschwert mit meinem Revolver, nach welchem er am Freitag so sehnsüchtige Blicke geworfen. Ehe ich nach Europa wieder zurückkehrte, besuchte ich noch einmal auf einige Stunden Beisrächele. Ich hatte glücklicher Weise Gelegenheit gehabt, den Leuten einige kleine Dienste zu leisten; aber dies konnte sie nicht freundlicher und gefälliger gegen mich machen, als sie sich schon das erste Mal mir erwiesen hatten. Es war ein herzlicher und wehmüthiger Abschied, denn wir wußten ja Alle, daß wir uns niemals Wiedersehen würden. Mir ist aber das Andenken an das Judendorf in Sibirien so theuer geworden, daß ich es nicht langer überwinden konnte, einen kleinen Bericht darüber niederzuschreiben. Da liegt nun jene Heimstätte verfolgter Menschen weit draußen in der nordischen Wildniß, aber gerade darum von Frieden und Unabhängigkeit, diesen beiden wahren Grundsteinen menschlichen Wohlseins und Gedeihens, geschützt und gefördert. Die Bewohner bilden eine Welt für sich, unbekümmert um die außer ihnen und ungekannt von dieser. Aber gerade dies macht sie zufrieden, und sie finden unter sich Alles, was ihnen die andere Welt bieten könnte. Es ist ein eigenes Gefühl, einen Kreis von Menschen, die man achten, ja lieben gelernt, in weitester Ferne und abgeschlossen für sich leben zu wissen. Außer der Sonne, die uns gemeinsam beschattet, ist die Erinnerung das einzige Band, das uns Zusammenhalt, und auch diese wird mit der Zeit immer loser und schwächer, und zerflattert zuletzt wie zu einem Traume. Also dorr existirt eine wohlgeordnete Gemeinsamkeit von Juden; ob die europäischen Glaubensgenossen Korefs und Rächele's wohl daraus den Schluß ziehen, daß auch eine viel größere Gemeinsamkeit ihrer Stammesgenosscn zu existiren die Möglichkeit in sich trüge? Ans den Zeiten des jüngsten Krieges. Bon Löuis Lehmann. (Fortsetzung.) Diesen Freitag - Abend, den ich im Kreise der mir plötzlich befreundeten Familie — Herr N. erinnerte sich auch, von seinem Bruder öfter von H. und meiner Familie sprechen gehört zu haben — verlebte, ist mir eine der schönsten Erinnerungen aus den Zeiten des Krieges, da er der einzige ist, den ich wie zu Haus zubrachte, und der mir die süßen Bilder der Heimath vor Die Seele zauberte. Waren wir auch verschiedener politischer Ansicht, liebte Herr N. auch sein schönes Frankreich, wie ich mein herrliches Deutschland, so herrschte doch der größte Frieden zwischen dem in seiner feindlichen Uniform dasitzenden jungen Preußen und seinem freundlichen, ihm zutrinkenden Gastgeber. Leider konnte ich der braven Familie kein Wort des Abschieds sagen, denn am andern Morgen früh schlug's Alarm und wir mußten plötzlich fort. Noch einmal sah ich meinen Freund, den Soldaten vom Tage vorher, gesund und munter an mir vorübermarschiren, dann ging's fort mit der spielenden Musik voran, hinaus in den frischen Morgen. Trotz aller Beschwerniß der Märsche, wo so viele junge Leute beisammen sind, da reißt keine Trübniß, keine Bangigkeit ein; verstummte die Musik, so tönte der Gesang; da hörte man „Lieb Vaterland, kannst ruhig sein", von einer andern Marschcolonue ertönte: „Ich hatte einen Kameraden, einen bessern find'st du nit", und von weit in der Ferne, da wo mein Freund mit seinem Corps ver-