Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 488 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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488 schwunden war, schlug ein Lied an mein Ohr, das mich mit unnennbarer Wehmuth erfüllte: „Morgenroth, Morgenroth, Leuchtest mir zum frühen Tod". Aber diese herrlichen aus dem Herzen kommenden Worte, sie zündeten überall und bald sangen alle Abtheilungen dieses schöne Lied..... Die heilige Zeit, das jüdische Neujahr — Roscli haschanali — nahte heran. Wie ich später gehört, hatten die jüdischen Soldaten in und um Metz rc. Gottesdienst gehalten, allerdings nur soweit es der Dienst erlaubte, und da fast alle Corps an jenen Tagen in blutiger Arbeit gestanden, so konnten nur wenige von der Erlaubniß Gebrauch machen. Was mich betrifft, so hatte ich damals die Wache mit meiner Mannschaft vor dem prachtvollen Nothschild'schen Schlosse Les Ferneres, worin sich unser erhabener Kriegsherr und König befand. Es war gerade die Zeit, wo Waffenstillstandsverhandlungen stattfanden, die sich aber zerschlugen, weil die französischen Diplomaten, die ich tagtäglich aus- und eingehen sah, noch immer an die unbesiegbare Kraft ihres Landes glaubten und „keinen Fußbreit Land, keinen Stein einer Festung abtreten''' wollten. — Der Tag, an welchem die rabbinische Lehre die Loose für Völker und Nationen ziehen läßt, er sollte uns noch keinen Frieden bringen, das Jahr 5631 sollte auch noch blutigrothe Tage in Menge zählen. So stand ich hier oft allein in meinen Gedanken verlieft, während zu Haus das Horn erschallt, und man zum Allvater sieht um Glück, um Freiheit, mn Frieden und Gesundheit. Werden sie gehört werden, diese Wünsche?. Jomkippur war ich zur Aussicht in einem Lazareth in Tournon commandirt. Ich brauchte nicht aufmerksam gemacht zu werden, an die Textworte der heiligen Schrift zu denken: „Und am zehnten Tag des Monats Tischri, da sollt ihr euch demüthigen vor Gott", denn hier, wo das grausigste Elend, Verwundete und Typhuskranke ihre Seufzer und ihr Aechzen vernehmen ließen, da verschwindet jedes Pochen auf die eigene Kraft, und der Mensch fühlt, daß er von einem höheren Wesen abhängig ist. Abends kam noch ein Transport von 300 Kranken an, und wer beschreibt mein Entsetzen, als ich darunter meinen Freund F., den ich zuletzt noch in der Synagoge zu RheimS gesprochen, in einem kaum mehr erkennbaren Zustande entdeckte. War ich seither, wie Menschlichkeit und meine Pflicht es gebot, immer bereit, alles was in meinen Kräften stand für die meiner Aufsicht anvertrauten Kranken zu thun, so kann man sich leicht denken, daß ich für meinen armen typhuökranken Freund nicht weniger bedacht war. Als ich ihm die damals schwer herbeizuschaffende Milch emsiößte, schlug er die Augen zu mir auf, und seine bleichen Lippen lispelten schwache Dankesworte. Am andern Morgen wurde ich von dieser Stätte des Elends, wo ich acht Tage lang den größten Gefahren der Ansteckung ausgesetzt ward abcommandirt, ich konnte nun für meinen kranken Freund nichts weiter thun, als ihn der wohlwollenden Fürsorge der Leiden Herren Aerztc DDr. Rosenthal und Stein angelegentlichst zu empfehlen. So schied ich schweren Herzens von meinem noch so sehr kranken Freunde, den ich leider nie mehr sehen sollte, da er, wie ich spater erfuhr, schon als man ihn auf der Besserung glaubte, an nicht mehr zu besiegender körperlicher Schwäche den Geist aufgab. Wie oft hatten wir von den Freuden des Wiedersehens in der Heimath mit einander gesprochen, Verabredungen des gegenseitigen Besuches, Pläne für die Zukunft entworfen . ., und nun ist er hin, der einzige Sohn seiner von ihm so sehr geliebten Acltern, ein hoffnungsvoller Jüngling, ein ausgezeichneter und guter Mensch, ein Opfer des furchtbaren Krieges. Möge ihm die Erde recht leicht werden und möge Gott seinen trauernden Aeltern endlich den so sehr benöthigten Trost senden! — Doch ich nehme den Faden meiner Erzählung wieder auf und berichte von meinem Weitermarsche, diesmal nach Orleans zu. Wiederum ertönte die Mustk, erschallten die Lieder der marschirenden Soldaten, war es da zu verwundern, daß mich diesmal', kurz nach der Trennung von meinem kranken Freunde, eine noch größere Wehmuth ergriff, als ich die letzten Worte des eben gesungenen Liedes überdachte: „Kann dir die Hand nicht geben, Bleib' du im ewigen Leben Mein bester Kamerad"? Und als das Lied geendet, da sing schon wieder ein anderes Lieblingslied der Soldaten an: „Morgenroth", und bald hieß es wieder: „Kamerad, Kamerad, der den Tod gefunden hat: Gestern noch auf stolzen Roffen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab." (Schluß folgt.) Notizen. Die Wiener Akademie der Wissenschaften hat den Di'. Max Vüdinger, Professor an der Universität zu Zürich, zu einem ihrer correspondirenden Mitglieder im Auslande für die historisch-philosophische Elaste erwählt. — Das Londoner (Somit*:* zur Unterstützung der nothleidendcn Juden in Odessa hat bis jetzt 4000 Pfd. St. vereinnahmt. — In der SiMgsge zu Hechingen sieht man jetzt an den westlichen Fenstern zwei von einem Künstler in München in Oel gemalte, der Glasmalerei täuschend ähnliche Rouleaux, das eine Moses mit den Gesetztafeln, das andere Aaron als Hohenpriester darstellend, ein Geschenk des Herrn H. Heilbronner. Verlag von Baumgartners Buchhandlung iu Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur öb% H. Lotze. v