Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 486 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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486 gen Aufenthalt in der Erdhöhle in Gesellschaft der schönen jungen Frau zu erwähnen , sondern rückte seine Fortschasfung nur um wenige Tage dicht an den Uebersall der Polen und der Franzosen auf das Haus Koress. Dies nahm seinem Berichte weder den Schein der Wahrheit, noch das Verdienstliche der armen jüdischen Familie. Dann führte er Rächele selbst zu der hohen Dame, und jene sah in ihrer jetzigen Armuth und Verfallenheit so wenig verführerisch aus, daß die stolze Russin leine falsche Verdächtigung in sich verspüren konnte, und hierbei lernte sie den ernten, pslichtgetreuen Charakter des unglücklichen Weibes, dessen ganzes Dasein in ihrem Mann und ihren Kindern üusging, so genau kennen, daß sie ihm ihre Bewunderung, besonders bei der Erzählung aller Gefahren und Mühsale ihrer Pilgerschaft, nicht verweigern konnte. Der Fürst schöpfte neuen Muth, als er den Eindruck gewahrte, den Rächele auf seine Braut gemacht, deren Herz nunmehr sich ganz mit Dankbarkeit gegen die Iudenfamilie für die heldenmüthige Rettung ihres Bräutigams erfüllt hatte. Der Anstoß war gegeben, das Räderwerk in Bewegung gesetzt; es verlief Alles, wie der Fürst es berechnet hatte. Was war der Erfolg? Schon vierzehn Tage später wurde Frau Rächele in den Palast des Fürsten entboten. Er saß in einem Lehnstuhl, sanft lächelnd und mit ernstfreundlicher Miene, und lud Rächele ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Die scharfsinnige Frau sah es ihm alsbald an, daß er ihr etwas Gutes mitzutheilen habe, daß dies aber lange nicht so gut sei, wie er es gewünscht hätte. Der Fürst hob an: „Meine liebe Frau Rächele, unsere Sache ist jetzt entschieden; es kommt auf Euch und Kores an, wie Ihr den Erfolg betrachtet und zu benutzen versteht. Ich habe erlangt, was zu erlangen nur möglich war; es ist sehr wenig, wenn Ihr Euch nicht darein zu finden vermöget, jedoch sehr viel, wenn Ihr es richtig zu behandeln versteht." Diese Einleitung konnte das Verlangen Rächele's, zu erfahren, was ihr Schicksal sei, nur steigern, und hastig erhob sie sich von ihrem Sitze und rief: „Oh, gnädiger Fürst, sagt mir, was es ist, sagt es mir mit Einem Male, mein Herz brennt vor Ungeduld .. ." „Nur ruhig, Frau Rächele", erwiderte der Fürst, „Ihr sollt es gleich erfahren. Weil man dem Gerichte nicht zuwiderhandeln und den Missethätern keine Hoffnungen gewähren will, soll die Strafe der Verbannung nach Sibirien bestehen bleiben; aber — merkt wohl — es wird Eurem Manne die freie Wahl des Aufenthaltsortes innerhalb des ganzen sibirischen Landgebietes gewährt, und ferner Euch, Euren Kindern, Eurem Bruder und damit auch anderen Verwandten gestattet, sich Eurem Manne zuzugeseven und bei ihm zu verbleiben, so lange er in Sibirien verweilt." Ueber Rächele's Antlitz verbreitete sich bei diesen Worten eine stammende Röthe, ihre Augen leuchteten, ihre Gestalt erhob sich; sie schlug die Hände zusammen und vermochte nur die Worte zu stammeln: „Dank, Herr, Dank! O welch' ein Glück, welch' ein GMck!" ... Es war dies erklärlich, denn das arme geängstigte Herz hatte bereits so sehr alle Hoffnung aufgegeben, daß es ihr ein unsägliches Glück schien, das Elend ihres Mannes theilen und ihm Beistand und Pflege geben zu können. Schnell sah ihr Geist die lange Reihe von Opfern, die ganze Kette von Hingebungen voraus, die sie ihrer Liebe und ihrer Pflicht zu bringen haben werde, und dies machte ihre Augen leuchten, ihre Gestalt sich erheben. „Es freut mich sehr, liebe Frau Rächele, daß Ihr die Dinge so anseht, und' als Belohnung dafür habe ich Euch noch mehr Gutes zu sagen. Stellt Euch nicht vor, daß Sibirien nur ein Land voll Eis und Wüste ist, wie man es sich gewöhnlich denkt und auch zu denken Veranlassung hat, weil die Sträflinge nach diesen Gegenden hingefchickt werden. Sibirien umfaßt auch nach Mittag zu warme und fruchtbare Striche, aus welchen eine fleißige Hand recht viel machen kann. Auch giebt es einige Städte, .in welchen der Handel blüht und ziemlicher Verkehr ist, besonders in der Gegend der Bergwerke, wo edle Metalle gefunden werden. Nun, die Familie meiner Braut besitzt in diesen Landstrichen weitläufige Güter, und es wird uns zu einem besonderen Vergnügen gereichen, wenn Ihr und Koref da irgendwo einen recht ausgedehnten Fleck findet, den Ihr zu Eurem Wohnsitz, sei es auf die fünfzehn Jahre Eurer Verbannung, sei es für immer, wählen möchtet. Wohl begreife ich, wie schwer es Euch kommen wird, Eure alte Heimath zu verlassen, wo es Euch gelungen war, Euch ein zufriedenes Daheim zu schaffen. Aber der Nothwendigkeit müssen wir uns Alle fügen, und die Zeit ändert unsere Neigungen und unsere Wünsche." Rächele verließ dankerfüllt und voll mannigfacher Plane für die Zukunft den Palast des Fürsten. Ihr Entschluß stand fest; vor Hlem wollte sie ihren Mann aufsuchen, mit ihm nach den Anweisungen des Fürsten einen Aufenthaltsort aufstnden und sobald sich die Verhältnisse fester gestalteten, den Bruder heimsenden, um die Kinder nachzuholen. Der kaiserliche Utas, der die vom Fürsten ihr gemeldeten Vergünstigungen feststellte, wurde ihr bald übergeben, und als der Frühling das Reisen nach dem asiatischen Norden wieder möglich machte, reiste sie mit ihrern Bruder, vom Fürsten mit sehr reichlichen Mitteln ausgestattet, nach Irkutsk, wo sie ihren Mann treffen sollte. Dies wür nach meines Wirthes Erzählung der Ursprung des Iudendorfes Beisrächele. Ich hatte keine Veranlassung, an der Wahrheit dessen zu zweifeln, was er mir mitgetheilt, und was ich freilich am liebsten m seinem Dialeete und mit all der Eigenthümlichkeit an Ausdruck und Geberden wiedergegeben hätte, die, wenn