Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-13 · Heft 24 (13.6.1871) · p. Seite 485

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 24 (13.6.1871)
Date
1871-06-13
Page
Seite 485 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226823--29574-3252418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Ar. Z4. Leipzig, den 13. Juni 1871. Das Jndendorf in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. (Schluß.» 8. Kaiser Alexander l. hatte damals schon seine bekannte Wandlung durchgemacht und lag jetzt in den Banden des pietistischen Mysticismus, in Folge dessen seine frühere Liebenswürdigkeit in Trübsinn und mürrische Lerdächtigung übergegangen war. Wie es hierbei gewöhnlich ist, war auch bei ihm, während und weil die Lippen von Milde übersließen, diese aus seinem Herzen gewichen, und es war daher auf dem Wege der Gnade wenig von ihm zu erlangen. Darum schwankte Fürst Schuwalow lange, ob er die Angelegenheit Korefs, die ihm wie eine eigene am Herzen lag, auf der breiten marmornen Border¬ oder auf der schmalen hölzernen Hintertreppe zur allerhöchsten Kunde und Entscheidung bringen solle. Er war hierüber um so mehr in Zweifel, als er, kein Anhänger und Schmeichler der Frau v. Krüdener, lange nicht mehr so hoch in der Gunst des Kaisers stand als früher. Endlich entschloß er sich, die Sache officiell anzugreifen. Er ging geraden Weges zuin Justizminister und legte diesem den ganzen Verlauf des Procesfes vor. Der Minister entzog sich seinen Bitten und Verlangen nicht offenbar, ließ sich vielmehr die Proceßaeten kommen, sie begutachten und sich selbst vorlegen. Dies dauerte Monate und würde Jahre gekostet haben, wenn der Fürst nicht Schwestern und Brüder, Vettern und Basen des Ministers in Bewegung gebracht, uin die Sache zu beschleunigen. Denn jeder Blick auf die unglückliche Rächele, die sich in ihrem Grame immer inehr verzehrte und die er von Zeit zu Zeit zu sehen nicht umhin konnte, sagte ihm, daß Eile Roth thue. -Nun, der Schluß kam und klang nicht sehr erbaulich. Der Minister ei klärte dem Fürsten, daß eine Revision des Procesfes zu gar nichts führen werde. Es seien keine Gegenbeweise da, von deren Wahrhaftigkeit ein Gerichtshof sich Ueberzeugung verschaffen könnte, und die Hartnäckigkeit, mit welcher Koref jede Angabe von Spießgesellen verweigerte, mache ihn der Gnade des Kaisers unwürdig. Man war es gewohnt, daß der Hauptangeklagte, u:n eine mildere Strafe oder gar Straflosigkeit zu erlangen, eine Anzahl Schmuggler angebe, die, wenn sie auch nicht gerade an dem vorliegenden Handel Theil gehabt, sich doch genügende Verdienste in ihrem Fache erworben hatten, um der dem Pascherwesen feindlichen und entgegenstrebenden Regierung als gerechtfertigte Opfer ihres Zornes zu erscheinen. Man nahm es daher dem Koref sehr übel, da er doch jedenfalls in diesen Kreisen gute Bekannte hatte, daß er jede Denunciation hartnäckig von sich abwies. Wir wollen nun Koref durchaus nicht als einen vollkommenen Märtyrer der Gerechtigkeit und der Wahrhaftigkeit ausstellen; wahrscheinlich bewc-7. ihn noch mehr dazu die Kränkung in seinem Gemütye, die er aus dem lasterhaften Beginnen und der abscheulichen Triebfeder des Bezirksobersten gezogen, und weil er um defsentwillen in keiner Weise zugestehen wollte, daß eine wirkliche Schmuggelei seine Anklage rechtfertige. Auch hatte er sich wahrscheinlich nicht vorgestellt, daß ihm eine so harte Strafe auferlegt werden würde, eine Strafe, die nur die erprobtesten und ausgefeimtesten Schmuggler zu treffen pflegte. Was war also zu thun? Der Fürst mußte demnach alle Mittel versuchen, das ganze Räderwerk des Hofwesens in Bewegung setzen, um eine ganze oder theilweise Begnadigung Korefs zu erlangen. Er dachte: vorwärts, es hilft sonst nichts! Run, die Fäden waren ihm in die Hand gegeben. Er bewarb sich damals um die Hand einer der vornehmsten jun-gen Damen des kaiserlichen Hofes. Sie war ihm schon so gut wie zugesagt. Sein Plan war daher, seine Braut inS Jntereffe zu ziehen und durch diese und ihre einflußreichen weiblichen Verwandten das Herz des Kaisers zuerst vorzubereiten und zugänglich zu machen. Dann wollte er schnurstracks zum Kaiser gehen, ihm die Geschichte seiner Verwundung, Todesgefahr und Rettung berichten, und als alter Kriegskamerad von ihm die Belohnung der Familie Korefs verlangen. Da galt es nun zuerst, das Herz seiner Braut zu rühren, aber — Alles zu vermeiden, was die Eifersucht der jungen Dame erregen könnte, weil sie ihm bewiesen hatte, daß sie solchen Gefühlen sehr zugänglich sei. Er vermied daher in seiner Erzählung, seinen lan-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.