Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-13 · Heft 24 (13.6.1871) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 24 (13.6.1871)
Date
1871-06-13
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226823--29568-3252412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zeihlich ist, daß sie die ersten Männer der Iudenhcit sind und dem entsprechend den Spruch Hillels in der Weise deuten: bin ich hier, soll alles hier sein, auch die jüdisch-theologische Facultät. Schade nur, daß die Repräsentanz durch das Drängen dieser Herren, welche wohl einsehen, daß sie mit ihrer Petition nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben und doch die Stelle eines Curators sich nicht möchten entgehen lassen, sich hat bewegen lassen, in ihrem Gutachten vier Euratoren für Böhmen zu fordern; im Wiener Statut sind nämlich blos zwei für Böhmen, zwei für Mähren und Schlesien, zwei für Galizien und einer für die Bukowina stipnlirt. Ist Galizien mit seiner vier- bis fünfmal so starken Bevölkerung als Böhmen, und Mähren und Schlesien mit ihren gut organisirten und für jüdisches Wissen sich noch interessirenden Gemeinden nicht auch zu einer solchen Forderung berechtigt? Wo aber viel Köche sind, da wird der Brei verdorben. Die Repräsentanz, welche den Beschluß zur Aufnahme dieser Forderung nur mit einer Majorität von einer Stimme gefaßt hat, wird sich daher gewiß zufrieden geben, falls dieselbe, wie vorauszusetzen ist, nicht erfüllt werden sollte. D o n a u f ü r st e n t h ti nt e r. Jassy, 15. Mai. «Privatmitch.) Erlauben Sie mir meine an Sie gerichteten Noten (Nr. 19) zu ergänzen und theilweise zu berichtigen. Bor Allen: muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß die von mir geäußerte Meinung „die rumänischen Israeliten sollen sich der liberalen Partei anschließen," nur von einer winzigen Minorität unserer Glaubensbrüder dieses Landes getheilt wird und daß sie, wenn man sie deshalb rügen wollte, vielseitig bestritten werden wird. Und das ist auch erklärlich. Die rumänischen Juden stehen in täglichem und einträglichem Geschäftsverkehr mit den Boiaren, von denen viele derselben begünstigt und bei eiutretender Eigenheit protegirt werden, während sie von der liberalen Partei von Staats - und Privatunternehmungen und Geschäften stets verdrängt wurden und unter ihrer Herrschaft nur Mißhandlung erfuhren, statt der so oft verheißenen Gleichstellung. Unsere Glaubensbrüder vergessen aber, daß bisher die rumänische Aristokratie die Juden mit derselben Verachtung wie früher die leibeigenen Zigeuner behandelt hat. die man ja auch der Verfolgung nicht der Mühe Werth hielt und mit welchen der gutmüthige Bojar, wenn er in froher Stunde gut aufgelegt war, gern seinen Spaß trieb. Unter der Aristokratenherrschaft konnte es überhaupt zu gar keiner Iudenhetze kommen, einzig und allein weil die Juden noch so verachtet dastanden, daß sie noch unendlich weit von ihrer Gleichstellung entfernt waren und Niemandem Furcht einflößten. Erst als die Liberalen ans Ruder gelangten und unsere Gleichstellung an die Tagesordnung kam, witterten Manche, daß sie der Concurrenz der intelligenten und thätigen jüdischen Bevölkerung nicht gewachsen wären, und die Advocaten, Professoren, Staatsbeamten und Kaufleute, die da spürten, daß sie von den gleichgestellten Juden aus dem Sattel gehoben werden könnten, verbündeten sich gegen die Juden und wiegelten gegen sie den blinden Pöbel auf. Um gegen die mächtige Aristokratie auskommen zu können, stützte sich die liberale Partei auf diese Judenfresser, imle ime. Deshalb sagte ich in meiner letzten Corrcspondenz, daß es die Aufgabe der Juden sei, den Liberalen eine genügende Stütze zu bieten, damit die Letzteren sich wieder aus den Armen der judenfeindlichen Fraction winden können. Warum uns aber nicht eher den Aristokraten anschließen, die doch die Judenfresser Niederhalten und uns nie verfolgt haben? Zweierlei Gründe sollen uns davon abhalten und das ist der Schwerpunct meiner Argumentation. Der erste ist folgender: Es liegt nicht im Geiste des Judenthums, es mit der Aristokratie zu halten. Ich höre vielfach um inich her die Meinung verfechten, daß Israel ein conservatives Volk im höchsten Sinne des Wortes ist, weil cs mehr als jedes andere Volk der Vergangenheit tre» geblieben ist. Solches kann aber nur derjenige behaupten, der noch in die crasseste orthodoxe Ignoranz versunken ist, und an jedem verwitterten Gebrauche fcsthält, als wäre er wirklich eine ^272 nurnb nsbn; der noch so wenig gebildete Jude weiß, daß gerade das Steckenpferd der Orthodoxie, der Talmud, der doch so manchen Satz der Thora umgangen, aufgehoben oder den Umständen angepaßt hat, der untrüglichste Beweis ist, daß man Israel einerseits das Ewigwahre confer vir t hat, cs aber auch andrerseits stets, selbst in Religionssachcn, gleichen Schritt mit den neu aufblühenden Ideen und den alles umgeftalteuden Verhältnissen hielt. Die wahre Tendenz eines Israeliten wäre also die conservativ« 24*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.