Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 478 (sequence 10)
- Language
- German
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478 zum Nachtheile des positiven christlichen Glaubens ausbeutcn. Ihr Einfluß sei ein großartiger, in alle Aemter haben sie sich einzudrangcn gewußt und dabei keine Mittel gescheut. Sic wollen regieren, deshalb bekämpfen sic alles Bestehende, die Kirche und besonders das historische Recht, von dem sie eben nichts für ihre egoistischen Interessen zu hoffen haben. 2m Finanzministerium seien zwei Drittel der Beamten getaufte Juden u. s. w. Man sicht, daß diese Auslassungen durchaus der Originalität entbehren und das von Riegcr Borgebrachte von seinen klerikalen Bundesgenossen schon zu hundert Malen in den verschiedensten Tonarten declamirt wurde. Wenn wir derselben hier dennoch Erwähnung thun und sie entschieden zurückweisen, so geschieht das eben nur ans dem oben angegebenen Grunde, letzteres können wir um so mehr, als die Anklagen in der Versammlung selbst, wenn auch unbewußt und unbeabsichtigt, am schlagendsten widerlegt wurden. Oder war cs vielleicht ein in die Bersannnlung cingeschlichener verkappter Jude, der an Herrn Dr. Ricger das Ersuchen stellte, seinen Einfluß bei den ezechischen Blättern geltend zu urachcn, daß sie auf die katholische Kirche zu schmähen und zu schimpfen anshören sollen? Run aber weiß hier Jedermann, daß die Juden zum mindesten in der czechischen Presse keine Macht besitzen, höchstens eine ihnen feindlich gesinnte und, wie cs sich schon oft in furchtbarer Weise gezeigt hat, eine für sic gefährliche, und dennoch ist sie nach dem Zeugnisse der Katholikcnversammlung kirchcnfeindlich — ergo muß die „gedrückte Lage der Kirche" in etwas Anderem und nicht in den Juden ihren Grund haben. Aber auch Herr Dr. Nieder selbst hat mit seiner Bemerkung, daß im Finanzministerium lauter getaufte Juden sitzen, bewiesen, daß, wenn schon Jemand über eine gedrückte Lage Klagen zu führen Grund hat, cs eben die Inden sind, zum mindesten cs waren. Denn wie käme es sonst, daß nur getaufte Juden zu Anstellungen im Finanzministerium gelangten? Haben dieselben etwa erst durch die Taufe ihre Befähigung zu finanziellen Geschäften erlangt? Uns will bcdünken, daß cs die gedrückte Lage der Juden war, welche sie zwang, den Weg ins Finanzministerium durch die Kirche zu nehmen. Das Bckenntniß Riegcrs, daß wir von dem historischen Rechte für unsere egoistischen Interessen nichts zu hoffen haben, werden wir uns ad notam) nehmen, denn darüber, was er und seine Partei unter egoistischen Interessen der Juden versteht, können wir keinen Augenblick mehr in Zweifel sein, und werden auch wissen, was cs zu bedeuten hat, wenn die ezechischen Blätter von den Wahlen von „Herren Israeliten" sprechen werden. Ucbrigens wird der liebe Herrgott schon dafür sorgen, daß die czechisch-feudalklerikalen Baume nicht in den Himmel wachsen. Das vom Wiener Eomits ausgcarbcitete Statut für die zu errichtende jüdisch-theologische Facnltät wurde vom Cultusminister auch der hiesigen Eultusrepräsentanz zur Begutachtung zugescndet. In ihrem bereits abgegebenen Gutachten stimmt dieselbe dem Statut mit Ausnahme von zwei unwesentlichen Punctcn im Lehrpläne und einem die Verwaltung betreffenden in allen seinen Theilen zu. Auch damit, daß die Facnltät in Wien errichtet werden soll, erklärt die Repräsentanz sich einverstanden, weil viele gewichtige Gründe für Wien sprechen. Nur in Wien, der Rcichshauptstadt, ist der Bestand der Facnltät als öffentliche Staatsanstalt auch dann gesichert, wenn die Unterrichtsangelegenheiten zum Eompctenzkreis der Landtage gehören werden. In Prag würde sic nach dem Eintritte dieses Falles keinen Bestand mehr haben. Machen ja schon jetzt die ezechischen Blätter ihrem LandSmanne, dem Cultnsminister Jirceck, die größten Vorwürfe darüber, daß er sich die Ausführung dieses schon von seinem Vorgänger gefaßten Planes so angelegen sein läßt, und richteten an ihn die Anfrage, ob er denn kein patriotischeres Werk kenne und seiner. Nation nicht besser zu dienen wisse, als für czechisch-christliches Geld jüdische Anstalten zu errichten. Auch was die Leistungen für die Anstalt anbclangt, könne sich Prag in keiner Beziehung mit Wien messen, weder in geistiger noch in materieller. - Der Uebcrschuß, welchen die Wiener Gemeinde im Vorjahre aufzuwcisen hatte, war höher als das ganze Jahrcsbndget — 17,000 fl. ö. W. — der Prager Gemeinde. Eine vom Vorstände des Vereines „Aphikc-Jehnda" und den Verwaltern der verschiedenen Synagogen und Minjanim Unterzeichnete Petition deS Inhalts, daß die Facnltät in Prag errichtet werden soll, hat die Repräsentanz ihren: Gutachten bcigelegt, ohne aber dieselbe zu befürworten. Der Repräsentanz ist es näntlich nicht unbekannt, daß die Petition blos durch die Agitationen einiger Herren zu Stande gekommen ist, welche noch immer in dem Wahne leben, daß die Prager Gemeinde an der Spitze des Judcmhums marschirt, oder aber, was weniger ver^