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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-13 · Heft 24 (13.6.1871) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 24 (13.6.1871)
Date
1871-06-13
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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480 liberale, und dieser gehören auch fast alle unsere Glaubensbrüder an, die im Auslande irgend eine politische Rolle spielen. Wie sollten cs also die Juden dieses Landes mit einer Partei halten, die znm Zwecke hat, alle Freiheiten zu schmälern und die Privilegien einer gewissen Classe auSzudehnen? Die zweite Ursache ist keine moralische, sondern eine rein materielle nnd wird deshalb vielleicht bei Manchen mehr Gewicht haben. Die liberale Partei zählt jetzt unter ihren Anhängern die Professoren, die Advocaten, die rumänischen Acrzte, die Kauflente, alle kleinen Beamten, die Studenten, eine große Zahl der Dfficiere und den Pöbel. Wenn wir durch eine Transaction mit den Liberalen gleichgestellt werden, so werden sie cs auch verstehen, die in ihrem Schoße uns feindlichen Elemente einzuwicgen. Werden wir aber durch die Aristokraten cmancipirt, so müssen wir cs selbst mit allen diesen judcnfeindlichen Elementen aufnehmen, die man natürlich erst dann heftig in Gährung bringen und als Waffe gegen die Aristokratie gebrauchen wird. Zwar ist cs leichter von den Aristokraten cmancipirt zu werden, aber dann wird unsere Emancipation nur eine aristokratische sein, d. h. nur gewisse bevorzugte Juden, werden ihre Bürgerrechte erhalten. Run tritt aber schließlich an uns die Frage heran : Wer sind die Aristokraten und wer sind die Liberalen hier zu Lande? Bratiano war früher der Führer der liberalen Partei; anders scheint es sich jetzt zu verhalten , denn die Männer, die früher dem Winke Bratiano's gehorchten, sind fast gänzlich der zügellosen Demagogie, den Judenfressern, in die Arme gefallen und ihr Führer mit ihnen. Die liberale Partei ist in der judenseindlichen und aufrührerischen Fraction aufgegangen; die liberale Partei existirt nicht mehr, zumal )vir annehmen, daß eine zügellose Demagogie nicht dieses Namens würdig ist. Auf den Trümmern der liberalen Partei hat sich hier, und wird sich im ganzen Lande nun eine conservativ-liberalc Partei bilden, welche die wahren liberalen Ideen vertritt und der Gleichstellung unserer Brüder sehr günstig ist. Dieses erhellt aus einer Besprechung, die unser Rabbiner Herr A. Lv vh mit Seiner Hoheit dem Fürsten Karl arr der Spitze einer jüdisck-en Deputation hier gepflogen, und aus einer mehrstündigen Eonversation mit der Seele der Eonservativ - Liberalen, Herrn Eaftasore, dem jetzigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten hier. Dieser Partei, deren Kern aus liberalen Bojaren besteht, können wir uns anschließen, erstens weil sie die wahren liberalen Ideen vertreten will, zweitens weil sie, wie der wahrscheinlich ihr günstige Ausgang der Wahlen zeigen wird, die Kunst versteht, durch zeitgemäße liberale Concessionen die Population ans den Klauen der Demagogie zu entreißen. Aber indifferent dürfen wir nimmer bleiben; wir müssen Antheil an den Landesangelegenheiten nehmen, denn die Eonservativ-Liberalcn sagen ausdrücklich, daß sie uns nur dann helfen können, wenn wir Nmnänier sein wollen. „Mögen die Juden unsertwegen auch für unsere Gegner Theil nehmen", sagte Einer, „nur gleichgültig sollen sie nicht bleiben, sonst werden sie mit Recht wie Fremde betrachtet und behandelt werden." Nachschrift. Meine Furcht hinsichtlich des amerikanischen Eonsnls, Herrn Peixotto, bestätigt sich glücklicherweise nicht. Der Mann hat seit der kurzen Zeit seiner Anwesenheit schon viel Ersprießliches geleistet und scheint seiner Ausgabe ganz gewachsen zu sein. Noch eines muß ich berichtigen. Ich sagte in meinem letzten Briese, daß eine Invasion keine ungünstigen Folgen für die jüdische Bevölkerung haben würde, vergaß aber hinzuzüfügen, daß alle Juden, die in diesem Lande ihr Vaterland sehen und für das Princip der freien 'Nationalitäten eingenommen sind, über eine Invasion tief seufzen würden. Ob. Anzeigen. Offene Lehrerstelle. An einer höheren israel. Lehranstalt soll auf den 1. October d. .1. ein Lehrer fiir Deutsch, Geschichte event. auch französisch in den obern Classen mit einem Honorar von 700 Thlrn. Pr. Court, p. A. angestellt werden. Kefledanten müssen die entsprechenden facultas doc. fiir die obern Classen besitzen, bereits im Lehrfache erprobt sein und einen ernst religiösen Lebenswandel führen. Meldungen unter Beifügung eines curr. vit. und W. G. 20. gez. werden durch Herrn H. Ettgler’s Annoncen-Burcau in Leipzig befördert. Die hiesige Religionslehrer-Stelle ist sofort zu besetzen. Zu adressiren an Bonn, 22. Mai 1871. den Vorstand Robert Goldschmidt.

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