Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
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474 kennung ihrer richtigen Stellung auch zu bedenklichen Irrthumern bezüglich ihrer Grenzen und ihrer Leistungsfähigkeit verleitet wird; daß er ferner als der Priester dieser Göttin in der Schätzung der eignen Persönlichkeit und Bedeutung getäuscht, sich immer fester in seine Einseitigkeit hineinarbeitet, sich verkannt und zurückgesetzt wähnt. Dagegen sind nun unsre Universitäten ein ganz vorzügliches Berwahrungßmittel. Sie setzen oder drängen jeden an seine Stelle, und mahnen ihn immer wieder, daß er doch nur ein Glied eines großen Organismus sei, und im besten Falle doch nur ein Bruchstück der Wahrheit ergriffen habe, nur einen geringen Beitrag zur Lösung der großen wisienschastlichen Aufgabe beizusteuern im Stande sei." Es wird hier treffend daS Nebel geschildert, an welchem gerade die gelehrte Welt der Juden viele Jahrhunderte hindurch bis in die neueste Zeit gekränkelt hat, nämlich die Jsolirung und Vereinsamung der großen Mehrzahl der jüdischen Gelehrten, von denen sich immer nur an einigen Plätzen Etliche zusammen fanden. War dies zum Theil dadurch gemildert, daß viele von ihnen zahlreiche Jeschiboth hielten, so waren dies doch immer Anstalten, an denen jeder Einzelne allein den Lehrstuhl einnahm. Der verhältnißmäßig große Briefwechsel der jüdischen Gelehrten während des Mittelalters und der neueren Zeit unter einander entsprang gewiß aus dem unvermeidlichen Bedürfniß gegenseitiger Mitteilung. Auch von unsrer Gegenwart kann man behaupten, daß sie für das Judenthum viel erfolgreicher gewesen sein würde, wenn nicht die Lehrer desselben vereinzelt und getrennt, jeder in seinem gesonderten Kreise, gelebt hätten. Also vor der Gefahr des Mangels am rechten wissenschaftlichen Geiste, vor der Gefahr der Einseitigkeit und des Wegfalls aller Wirksamkeit und Würdigung innerhalb der gesammten wissenschaftlichen Welt, sowie endlich vor der Gefahr der Vereinzelung der jüdischen Gelehrten schützt die Herstellung jüdisch-theologischer Faeultäten, und sind diese somit von unendlichein Werthe. Aber es giebt nun noch ein Moinent, dessen Tragweite nach dem Innern der Judenheit selbst gerichtet ijt, und dies ist folgendes. Wir äußerten einmal, daß es wohl schwerlich einen Volksstamm gäbe, in welchem sich die beiden Gegensätze, nämlich der Autoritätsglaube und der Selbstständigkeitötrieb jedes Individuums im Urtheilen psychologisch so vereinigen unv verschmelzen, wie im jüdischen. Autorität in religiösen Dingen ist dem Juden ein Bedürfniß, welchem er sich nicht entziehen kann; aber es muß ihm freistehen, ihr Folge zu leisten oder nicht, jeder Zwang nimmt ihn gegen jede derartige Autorität von vornherein ein. Also eine freie Autorität, welche durch ihr Gewicht, durch ihr Ansehen und Verdienst imponirt, ohne daß sie eine obrigkeitliche Legitimation hat, daß ist für die Juden unsrer Zeit ein Bedürfniß, und zwar um so mehr, je schärfer die Spaltung unter ihnen ist und je rücksichtsloser die Parteien gegen einander verfahren. Innerhalb dieser Zerklüftung wird eine jüdisch-theologische Facnltät, sobald sie sich einen wissenschaftlich einheitlichen Charakter zu bewahren weiß, bald eine Art freien Spruchcollegiums werden, dessen Gutachten allseits gefordert wird, wenn sich auch diejenigen, welche es verlangen, ihre eigne Entschließung Vorbehalten. Die Autorität dieses Spruchcollegiums wird immerhin eine sehr nachdrückliche sein, und somit ein nützliches Gegengewicht gegen das immersortige Schwanken, gegen die Steigung, bald dem einen, bald dem andern Extrem sich zuzuwenden, bilden. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 23. Mai. In der gestrigen (40.) Sitzung des deutschen Reichstages wurde über den, das Elsaß und Deutschlothringen betreffenden Gesetzentwurf in zeiter Lesung verhaiidelt. Der Abg. Du ucker, welcher mehrere Anträge gestellt hatte, rechtfertigte diese, und sprach sich unter Auderm folgendermaßen aus: „Wenn wir dem Bundesrath eine so weitgehende Bolünacht übertragen, so hätten wir, wenigstens in allgemeinen Umrissen, ein Programm verlangen müssen, wie er Verwaltung und Gesetzgebung handhaben will; davon wissen wir gar nichts. Wir wissen nicht, ob die Verwaltung durch eine Eentralbehörde oder durch Telegraph und Rescript von hier aus geführt werden soll. Wir wissen vor Allem nicht, wie die wichtigen Angelegenheiten der Kirche und Schule geordnet werden sollen, ob durch eine einheitliche, heimische Behörde oder durch das Bundescanzleramt. Diesem fehlen die nöthigen Organe und cs müßte auf das organisirte Preußische Ressortministerium recurriren. Das wäre das AUerschlimmste, hinten herum Elsaß-