Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
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473 Regierung und das Abgeordnetenhaus diese Rechtsungleichheit auch aus der Welt schassen. Unsrer Meinung nach würde es hierin am zweckmäßigsten sein,, das Petendum so zu formuliren: daß die gesetzlich constituirte jüdische Religionsgemeinde die Rechte einer Kirchengemeinde besitzen solle. Jur jüdisch-theologischen FoeuUät. Je näher die Verwirklichung dieses Gedankens an verschiedenen Orten zu kommen scheint, desto nützlicher wird es wohl sein, auf diesen vielgehegten Wunsch und seinen Inhalt immer wieder zurückzukommen, und diesen dem größern Publicum deutlicher und einleuchtender zu machen. Wir wollen heute zwei Momente in Berückchsichtigung ziehen. Zu dem erstern veranlaßt uns eine in München 1867 erschienene Rectoratsrede des jetzt vielgenannten vr. v. Döllinger: „Die Universitäten sonst und jetzt." Nachdem der gelehrte und in vielen Gegenständen klar blickende Redner die Geschichte der europäischen Universitäten durchschritten und sie in ihrer Verschiedenheit charakterisirt hat, bleibt er bei der Würdigung der deutschen Universitäten stehen. Er sagt hier: „Und hier offenbart sich uns der rechte Werth der deutschen Universitäten und ihre schlechthin durch nichts anderes zu ersetzende Eigenthümlichkeit. Hier soll jede Kenntniß oder Lehre in die Sphäre der Wissenschaft erhoben und nur so mitgetheilt werden; dies geschieht aber eben damit, daß alles principlose, zersplitterte Wissen, das ideenlose Notizenwesen, ferne gehalten, daß die innere Nothwendigkeit, der Causalzusammenhang der einzelnen Thatsache oder Lehre, ihre gliedliche Stellung im Organismus des Ganzen zur Anschauung gebracht wird." Es stinnnt dies ganz mit dem überein, was wir seit Jahren über das Wesen der „Wissenschaft" ausgesprochen, und womit wir denen entgegen^'aten, welche auch aus unsrem Gebiete einen bloßen Notizenkram, eine ideenlose Aufhäufung von Daten für Wissenschaft auSgaben und der jüdischen Theologie die Gefahr bereiteten in bloße Bibliographie und Biographie aufzugehen. Diese, noch jetzt nicht ganz geschwundene Gefahr kann dauernd nur durch solche Facultäten beseitigt werden. Döllinger fährt fort: „Sodann sollen an der Universität die Facultäten und die Wissenschaften einander überwachen und ergänzen. Es geschieht dies von selbst, sobald nur die Lehrer der Solidarität aller Erkenntniß sich stets bewußt bleiben; es wird ihnen dann nie entfallen, daß jede Wissenschaft ein dringendes Interesse hat, die übrigen zu ihrem Dienste heranzuziehen, daß sie aber auch ihrerseits sich ihrem Einflüsse nicht verschließen, ihre etwaige Gegenrede nicht unberücksichtigt lassen darf; denn als Glied an dem großen Leibe der.Cultur und Erkenntniß soll jede sich fühlen. Und daß eben dieser Zusammenhang der einzelnen DiSciplin mit dem Ganzen, und wiederum in dem Fache selbst die Verbindung jedes Theiles, jeder Thatsache mit dem Vorhergehenden und Nachfolgenden dem Jünger klar werde, daß dieser sich stets von jedem Orte seiner Wissenschaft auch nach allen Richtungen hin zu orientiren vermöge, dafür hat der Lehrer Sorge zu tragen." Der organische Aufbau jeder Wissenschaft, der organische Zusammenhang aller Wissenschaften kann nicht besser gezeichnet werden. Durch beide wird die einzelne Wissenschaft vor Einseitigkeit und Verfall geschützt, ihr zugleich aber auch die Wirksainkeit aus die andern Wissenschaften gesichert. Dies zu bewerkstelligen ist allein die Einrichtung der deutschen Universitäten befähigt. Nichts fehlte der jüdischen Wissenschaft bis jetzt mehr als das Geben und Empfangen im Zusammenhänge mit den übrigen Wissenschaften. Sie zehrte stets zumeist aus ihrem eignen Marke, und ihre Wirksamkeit und Anerkennung außerhalb des eignen Kreises war eine geringe. Durch Einreihung der jüdisch-theologischen Facultät in die wissenschaftliche Universität wird diesen Nebeln abgeholfen. Aber noch eine Stelle Döllingers müssen wir hier anführen: „Unbedenklich rechne ich auch zu den Vortheilen der akademischen Gelehrten - Gemeinschaft jene Bescheidenheit, welche sich in der richtigen Abschätzung der eignen Wirksamkeit und in maßhaltender Selbstbeschränknng kund gibt. Denn der einzelne, blos nackeignem Drange und in stiller Abgeschiedenheit forschende Gelehrte ist allzusehr geneigt, sein Fach, auch wenn es mehr der Peripherie als dem innersten Lebensherd deö geistigen Mikrokosmus angehört, zu überschätzen: er unterliegt gar leicht der Versuchung, das Dienende zum Herrschenden zu machen, sein specielles Fach mitten in das Centrum deS gesummten Wissensgebietes versetzen zu wollen, was dann die doppelte Folge zu haben pflegt, daß er einmal seine Wissenschaft nicht aus der Idee des Ganzen heraus construirt und anbaut, und in der Ber-