Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1871)
- Date
- 1871-06-13
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
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471 welchem man vorn und hinten Pferde angeschirrt hat. Also da man die Synagogenresorm nicht auf den Grundsatz dcö Einfachen und der Vereinfachung stellte, sondern zunächst an die Ausschmückung und die Aufvfropfung derselben auf das fast gänzlich conservirte Alte ging, so kam es, daß in der bei weitem größten Zahl der Gemeinden die Mittel dazu gar nicht vorhanden waren,*) und deshalb sehr häufig selbst da, wo man Reformen eingcführt hatte, diese nach einiger Zeit wieder verschwanden. Man glaube nicht, daß wir dies wie eine Art Stoßseufzer Vorbringen. Uns find alle diese Erscheinungen nur wichtig als die Ausflüsse und Erzeugnifie des Geistes, der im Innern waltet und welcher oft lange ringen muß, bevor er die rechten Mittel des Ausdrucks, die rechten Formen gefunden und geschaffen hat, und ganz besonders bei Gesammtheiten, deren einzelne Glieder doch auf verschiedenen Stufen stehen und von verschiedenen Motiven getrieben werden. Da will ein oder das andere Menschenalter nichts sagen.**) Wie steht es um die Schule? Wenn einige unsrer geehrten Leser der Beantwortung dieser Frage mit einer *) Wenn auch nicht mit so klarer Erkenntniß wie jetzt, so schwebte uns doch dieser Gedanke schon bei den ersten Schritten auf unsrer amtlichen Laufbahn vor, und wir führten z. B. für Hallel eine einfache Melodie ein, welche die ganze Gemeinde schnell begriff und gern sang, so daß dieselbe Melodie bei jeder außergewöhnlichen festlichen Gelegenheit auch zum Absingen von Psalmen, sowie zum Aschre gebraucht werden konnte. Allein da eine Instrumentalbegleitung an Sabbath und Festtagen durchaus nicht zugestauden ward, so artete nach einiger Zeit die Melodie im Munde der Gemeinde selbstverständlich so aus — denn die Anwesenden singen nicht zu gleicher Zeit an, nicht in derselben Tonart und modificirten auch die Melodie nach ihrem Geschmack und den ihnen geläufigen Tönen — daß man später gern wieder von ihr befreit ward. **) Die Annahme oder Verwerfung irgend eines Reformvorschlages erschien uns deshalb nie als ein Sieg oder eine Niederlage, und es war uns stets gleichgültig, ob die Leute z. B. das Gebet für die Erhaltung der nicht mehr existirenden babylonischen Schulen in aramäischer Sprache, die sie nicht verstanden, noch zehn Jahre länger beteten oder nicht; wir sahen es vielmehr nur als eine Schande für diejenigen an, welche es verstanden und doch Alles daran setzten, um dies Gebet nicht streichen zu lasten. Wer übrigens wissen möchte, was wir unter Vereinfachung deS Gottesdienstes verstehen, der lese die Fragen, die wir der Rabbinerversammlung zu Cassel und der Synode zu Leipzig vorletzten. besondern Besorgniß entgegensehen, so wollen wir ihnen diese zum größeren Theile kurz vorwegnehmen. Bei der Schule besonders zeigt sich, was von der Natur des Menschen überhaupt gilt, nämlich daß sie sehr zähe ist und Tüchtiges selbst unter ungünstigen Umständen hervorbringt. Zuletzt lehrt der Lehrer und lernt der Schüler, wenn beide nur tüchtig sind, und für die Tüchtigkeit eines großen Theils der jüdischen Elementarlehrer treten wir mit voller Ueberzeugung ein. Da übrigens der jüdische Elementarlehrer die Staatsprüfung gemacht haben muß, so giebt dies schon Zeugniß für ihn ab. Man weiß auch, daß jüdische Aeltern ans das, was ihre Kinder lernen, in der Regel sehr achten und daher den Fleiß des Lehrers allzusehr controlliren. Dies also vorausgesetzt, haben sich die leidigen Zustände der jüdischen Schule in keiner Weise gebessert. Noch immer sind dem Staate und der Stadtgemeinde gegenüber mit geringer Ausnahme die jüdischen Schulen keine „öffentlichen", sondern Privatschulen, Schulen einer Privatgesellschaft; sie haben deshalb keinen Anspruch auf Unterstützung aus öffentlichen Mitteln, obschon die Juden zu den confessionellen katholischen und evangelischen Schulen des Ortes beisteuern müssen; sie unterstehen den allgemeinen Schulgesetzen nicht. Aus diesem letzteren Umstande erstießt die prekäre und abhängige Stellung des Lehrers, der stets nur provisorisch, auf kurze Zeiten, mit kurzen Kündigungsfristen angestellt ist. Diese Abhängigkeit von den Willensmeinungen und Launen der Vorsteher, zum Theil auch der Gemeindemitglieder, bringt die größten Mißstände mit sich. Sie ist gar oft die Versuchung für die Vorsteher rc., ihre Autorität zu mißbrauchen, und macht andrerseits den Lehrer empfindlich und reizbar; sie setzt das Ansehen des Lehrers bei den Aeltern und hiermit bei den Schülern herab, und macht die Erhaltung der Disciplin in der Schule noch schwerer, als sie es schon an sich ist; sie bringt einen häufigen Stellenwechsel mit sich, der bekanntlich für den Unterricht bei der steten Veränderung der Methode, der Handschrift u. dgl. sehr nachtheilig wirkt. Selbstverständlich unterscheiden sich hierin die einzelnen Gemeinden gar sehr. Es giebt deren Gott sei Dank! recht viele, welche in der Einsicht, daß von der richtigen Behandlung des Lehrers auch die richtige Behandlung ihrer Kinder durch diesen abhängt, sich der einmal gewonnenen tüchtigen Lehrkraft freuen und sie sich zu erhalten suchen, Gemeinden, in welchen deshalb die Lehrcrstellen völlig stabil besetzt sind. Aber es giebt deren leider 24*