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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-13 · Heft 24 (13.6.1871) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 24 (13.6.1871)
Date
1871-06-13
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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470 hier und da mit etwas mehr Ruhe, mit etwas weniger Piutnn u. dgl. Man erinnere sich, daß die Reform des Gottesdienstes von dem Grundsätze ausging, nur ganz allmalig fortzuschreiten. Man setzte voraus, daß auf diese Weise das allscitige Einverständniß bewahrt bleiben, dagegen das weitere Vedürfniß reger gemacht würde, und so daS gesteckte Ziel auf friedlichem und zweckmäßigem Wege zu erreichen stände. Man hatte sich geirrt. Auch schon die kleinste Veränderung rief Opposition, Hader und ein gewaltiges Geschrei der Stabilen hervor. In der Mitte der vierziger Jahre wachte daher das Verlangen nach einer entschiedeneren Umgestaltung auf, aber eö zeigte sich, daß dies in einem verhältnismäßig nur kleinen Kreise wirklich vorhanden war, und die große politische und sociale Erschütterung von ISIS brachte es gänzlich zum Schweigen. Wie schwachmüthig es um die gottesdienstliche Reform steht, bewiesen die Rabbinerversaunnlung zu Cassel und die Synode zu Leipzig. In der ersteren wollte man gar keine Frage beantworten, in der zweiten vertagte mau die wichtigeren, und selbst nur über die Thoravorlesung am Sabbath ging man geradezu auseinander. Es ist in der That lächerlich, und unsere Enkel werden, wenn sie überhaupt davon Notiz nehmen, nicht begreiflich finden, daß die sg. Orthodoxie so vielen Lärm über die gottesdienstliche Reform macht, die in der That bis auf einige wenige Gemeinden gar nicht vorhanden ist, und, ich kann es nicht verbergen, diese folgende Generation wird der gegenwärtigen sg. Orthodoxie oder Neuorthodoxie als Motiv ihres Gezänkes entweder die Unwissenheit oder den bösen Willen insinuiren. Machen wir uns klar, warum die Umgestaltung des jüdischen Gottesdienstes zu einen: verständlichen, weihevollen und befriedigenden bis jetzt nicht gelungen und in der großen jüdischen Mehrheit nicht einmal angefangen, so ist der erste Grund irnmerhin der Mangel an wirtlichen: gottesdienstlichen Bedürfnis, welcher den Besuch desselben äußerst abgeschwächt hat, darum der Gewohnheit au: liebsten nachgiebt, sich mit ihr absindet und zuletzt jeder lebhaften Opposition weicht. Jedoch dieser ist es nicht allein, sondern auch der Mangel au Mitteln. Die Reform hat auch darin einen ganz irrthümlichen Weg eingeschlagen, daß sie mit Einem Male die Synagoge zum Schauplatz musikalischer Productionen machen wollte. Anstatt vom Einfachen auözugehen und fortschreitend zu entwickeln, begann man mit dem ausgebildetsten vierstimmigen Chorgesang, welcher einerseits große Gesangsmittel erforderte, andrerseits, und dies war der größte Schaden, die Gemeinde zum völligen Stillschweigen verurteilte. - So verdienstvoll an sich die bekannten Münchener Gesänge und die Schire Zion von Sulzer sind, so waren sie doch, als den Anfang der musikalischen Reform im jüdischen Gottesdienste bildend, von großem Nachtheile. Sie wurden nachgeahmt oft carrikirt, und man hatte nichts Anderes. Auf diesem Gebiete muß man mit dem einstimmigen Gesang anfangen und zu diesem die Begleitung eines Instrumentes haben. Sonst laste man lieber den ganzen Gesang. Daß sich da, wo sich bedeutende Mittel dazu finden, namentlich an den hohen Festtagen, auch vierstimrnige Gesänge hinzugesellen mögen, brauchen wir wohl kaum anzudeuten. In den wenigsten Gemeinden selbst unter den mittleren sinden sich genügende Kräfte zusammen, run einen musikalisch gebildeten Chor herzustellen, und wenn dies selbst geschieht, so ist in der Regel seine Blüthezeit bald vorüber, und nach kurzer Zeit sieht n:an sich vergeblich nach ihm um. Wir stehen, osten gesagt, hierin gerade noch da, wo vor -10 Jahren, und es konnte daher gar nicht überraschen, daß die Lehrcrconserenz auf die Tagesordnung ihrer nächsten Versammlung die Frage stellte: Wie ist der Synagogengesang einzurichtcn? und wie bildet man die Jugend dazu heran'? Daß die einmal angeregte gottesdienstliche Reform von Beginn an nicht darauf auSging, den Gottesdienst völlig zu vereinfachen und insonders den Synagogengesang zu einen: einfachen Gemeindegesang zu machen, dies, hat den: ganzen Bestreben eine falsche Richtung verliehen, welche bis heute noch kein Ziel erreicht hat. Um nicht ungerecht zu sein, muffen wir darauf Hinweisen, daß eben das Bedürsniß der Reform zuerst in den großen Städten und Gemeinden erwachte und man hier an die Stelle des Alten gleich mit etwas Großartigem, Hinreißenden: oder doch Gewinnendem auftreten wollte; daß namentlich die Opposition gegen die Instrumentalbegleitung am. Sabbath und Festtag, speciell gegen die Orgel, eine so starke war, stark durch daL laute Geschrei dagegen, daß man noch heute in den meisten Gemeinden vor dieser Frage steht. Man kann es nicht verkennen, daß die moderne Cultur den Juden etwas hastig über den Kopf gekommen und ihnen wenig Zeit ließ zu einer ruhigen, allmäligen Entwickelung, daß daher der eine Theil derselben noch völlig im Alten stak und noch jetzt steckt, während dem anderen Theil das Neueste schon alt erscheint. Unter solchen Umständen kommt man gar nicht vorwärts, gerade wie ein Wagen

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