Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-06 · Heft 23 (6.6.1871) · p. Seite 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 23 (6.6.1871)
Date
1871-06-06
Page
Seite 467 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226822--29555-3252398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

467 er aber sich ein und das andere Mal nach ihnen erkundigt und gehört habe, daß es ihnen durch die eigene Kraft und Anstrengung wohl ginge, habe er ihnen unnöthige Wohlthaten nicht aufvrängen wollen. Es sei sogar für einen Hochgestellten recht gut, wenn er wüßte, daß er niederem Leuten etwas schulde, was er noch nicht wett gemacht. Daß er die Sache Kores's daher ganz als die seine ansehen und für ihn thun werde, was er für seinen eigenen Bruder thäte, dessen solle Rächele gewiß sein. Aber er verhehlte Rächele nicht, daß jetzt, wo das gerichtliche Urtheil gefällt und die Bestrafung bereits in der Vollstreckung begriffen sei, eine wesentliche Abhülfe sehr schwer, vielleicht unmöglich zu erlangen sein würde, noch dazu, da die Gegenbeweise zwar ihm, dem Fürsten, völlig überzeugend seien, aber kaum für einen Anderen, der die Personen und Verhältnisse nicht so genau kenne wie er. „Doch beruhigt Euch nur, Frau Rächele. Etwas muß zu Eurem Heile geschehen, und wenn ich Himmel und Erde in Bewegung setzen soll. Ein russischer General der Eavallerie, ein Ulanenoberst weicht vor keiner feindlichen Batterie zurück. Jetzt aber heißt es, nach Petersburg zurückeilen, wohin mich so die dringendsten Geschäfte rufen. Ihr werdet meinen Neisewagen schon vor der Thür gesehen haben, und es ist ein wahres Glück, daß ich noch nicht fort war. Es fragt sich nun, ob Ihr, Frau Rächele, einige Tage in meinem Schlosse ausruhen wollt; es soll Euch an Nichts fehlen, und— ich kenne Euch — Ihr sollt Euch Eure Speisen selbst bereiten. Auch werde ich in den ersten Tagen Eurer dort schwerlich bedürfen; ich weiß ja nun ziemlich Alles. Ich gebe außerdem Befehl, Euch dann möglichst schnell nach Petersburg zu schassen/' Aber Rächele schüttelte den Kopf; Raft halten würde ihr doch keine Ruhe schassen. Da sie hier ihren Zweck so vollständig erreicht habe, möchte sie am liebsten dahin zurück, wo sich ihr Schicksal entscheiden werde. Der Fürst willigte ein, bestellte seinen Reisewagen auf einige -Stunden später, damit die beiden Wanderer sich doch etwas ausruhen könnten, und ließ ihnen dann einen eigenen Wagen anschirren, der dicht hinter dem fürstlichen fuhr , und somit aus den Stationen ebenso schnell Relais erhielt. Die Reise ging schnell, und bald hielten Rächele und Jekew ihren Einzug abermals sin Petersburg, diesmal in einem fürstlichen Wagen, mit einem Diener auf dem Bocke neben dem Kutscher. (Schluß folgt.) Ans den Zeiten des jüngsten Krieges. Von Louiö Lehmann. Es war eine erschütternde Scene, als der junge Moritz O., Sohn des Gasthofbesitzers O. (im schönen und vielgenannten Badestädtchen H.) in das Zimmer seines vom Schlage gelähmten Vaters' hineingesührt ward. Was lag nicht zwischen dem Abschiede und der Wiederkunft des von seiner Verwundung noch nicht ganz genesenen jungen Kriegers! Der Vater, früher stark und lebensfroh, war durch die Befürchtungen, die er um den beim deutschen Heere weilenden Sohn hegte, stets so aufgeregt, daß ihn zuletzt, als er durch die Zeitungslecture wußte, daß derselbe,mit der rasch vordriugenden 22. Division des 11. Armeecorps von Schlacht zu Schlacht, von Gefecht zu Gefecht eilte, ein Schlaganfall traf, der ihm die rechte Seite, Hand, Fuß und! Zunge lähmte. Die Mutter, früher etne so schöne Frau, i hatte durch die stete Sorge um ihren Liebling den Kopf! voller grauer Haare bekommen, und selbst das schöne j jugendliche Antlitz der beiden Schwestern hatte zeitweilig j eine ernstere Färbung angenommen. Aber sie hatten! sich wieder, lagen sich in den Armen, konnten sich küssen, i wenn der Mund eine Pause im Erzählen machte. Auch zu mir drang die Kunde, daß die mir befreundete Familie ihr Wiedervereinigungösest mit ihrem nach Hanse gekehrten Sohne feiere, und wie früher das Mitleid, trieb mich jetzt die Mitfreude hiuzugehen zu den Vielgeprüften, denen nun wieder die Sonne des Glückes zu lächeln ansing. Da saß er nun, der junge, liebenswürdige und gebildete Unteroffizier, und erzählte von den Thaten bei Weißenburg, Wörth, Sedan, Orleans, Chateaudun x., vom Leben im Bivouac, von den Streifzügen und Requisitionen, von so vielen traurigen und mitunter auch erfreuenden Erinnerungen. Ich hebe aus diesen Erzählungen folgende für Ihre Blätter am meisten geeignelen heraus: „Mein erstes Quartier, das ich in der Pfalz während Tagen mit meiner ganzen Corporalschaft inne hatte, war in einem jüdischen Hause, und trotzdem es gerade die sogenannten 9 Tage des Monats Ab waren, hatten wir uns doch nicht zu beklagen, die Leute ihaten Alles was sie konnten, und wie oft sagten meine Soldaten später: „So gut, wie wir es in der Pfalz bei den Juden hatten, bekommen wir es nicht mehr/' Als wir Abschied nahmen, suchten diese braven Quartiergeber uns so viel als möglich ihre Sympathien zu zeigen und unsren Muth zu stärken, und haben sich auch während der Kriegszeit oft nach mir erkundigt, wie mir meine Aeltern geschrieben. Wir marschirten von da direct nach der Grenze, nach Weißenburg, und hatten da gleich den ersten Strauß zu bestehen... Samstag den 6. August, den sogenannten schwarzen Sabbath, wurde es mir wirklich schwarz vor den Augen. Morgens marschirten wir durch Sourbourg, wo eine schöne Synagoge war, es befanden sich aber in diesem Orte weder Christen noch Juden, da Jeder vor den als Barbaren ausgeschrieenen deutschen Kriegern sein Leben in Sicherheit zu bringen suchte. Wir hatten an diesem Tage nicht „die Zerstörung Jerusalems", sondern die von Wörth vor Augen, und als ich AbendS, wiederum glücklich verschont in der mörderischen Schlacht, schnell eine Correspondenzkarte an meine Aeltern nach Haus richtete, schrieb ich statt des Datums nur: „Wörth

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.