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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-06 · Heft 23 (6.6.1871) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 23 (6.6.1871)
Date
1871-06-06
Page
Seite 466 (sequence 18)
Language
German
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4G6 gelegt, um so viel wie möglich von ihren Geldmitteln zu sparen; nur hier und da bot sich ihnen eine Fuhrgelegenheit umsonst oder zu einem geringen Preise dar. Freilich kam ihnen hierbei die Leichtigkeit des polnischen Juden zu Hülfe, mit der er, sobald er über den Bezirk hinaus ist, in welchem man ihn kennt, sich zum Bettler stempelt, und wenn er zu Hause als ein noch so großer Kozin lreicher Mann» austrat und galt. Nach seiner Rückkehr kehrt er auch zu seinem früheren Stande zurück. Nächele und ihr Begleiter nahmen daher überall die Hülfe ihrer Glaubensgenossen in Anspruch und konnten dies um so eher, als ihre Geschichte bekannt geworden und ihnen wirklich all ihre Habe consiscirt war. Auch fanden sie diese Unterstützung in. verhältnißmäßig reicher Weise; nur hier und da verschloß man sich ihnen, wo man nämlich selbst unglücklich war, denn das eigene Mißgeschick verhärtet mehr das Herz, als es dies dem Mitgefühle für Anderer Leid erschließt. Die tueisten Schwierigkeiten und Geldopfer verursachte ihnen die Erneuerung der Legitimationen, und doch waren ihnen diese am unentbehrlichsten, weil sie sonst Gefahr liefen, eines schönen Morgens wieder nach ihrem Heimathsdorfe zurücktransportirt zu werden! ' Wie viel List und wie viel Bestechung waren hierzu nöthig, um bis Petersburg gelangen zu können! Und doch war dies noch keine Mühsal der Reise selbst. Welche Unbilden der Jahreszeit, wie viel Mangel und Entbehrung, ja Hunger hatten sie zu ertragen, noch dazu bei ihrer strengen Beobachtung der Speisegesetze, und als sie erst in die Gegend kamen, wo der Juden nur wenige wohnten. Und doch wurden alle diese Leiden noch leichter ertragen, als die Angst um das Schicksal ihres Koref, welche das arme Weib nicht Tag, nicht Nacht verließ, sie oft aus dem Schlunnner aufschreckte, immer mehr wuchs und sie unaufhörlich vorwärts trieb. Vielleicht war es eben doch diese Angst, welche die Kräfte dieser vielgeprüften Frau in einem Maße aufrecht erhielt, welches sonst weit über alle Möglichkeit für sie hinausgegangen wäre. So eigen ist es mit dem Menschen, daß selbst das, was innen an seinen Kräften nagt und sie aufzureiben vermöchte, auch wieder zum stärksten Anreiz wird und jede Erschöpfung fern hält, bis das Ziel erreicht ist. Sie kamen endlich trotz aller Gefahren und Mühseligkeiten in Petersburg an, und hatten hier nun die bittere Enttäuschung zu erfahren, daß der Fürst auf seinem fernen Gute weile und man nicht wisse, wann er zurückkehren werde. Da zog sich das gequälte Herz der armen Rächele krampfhaft zusammen und hatte große Herrschaft über sich selbst nöthig, um sich nicht der Ohnmacht der Verzweiflung zu überlasten. Aber es sollte ihr hier doch' ein Trost werden. Durch ansehnliche Geschenke an die leibeigenen Diener des Fürsten gelangten die Beiden bis zu dem alles beherrschenden Haushofmeister, und da zeigte es sich, als sie ihm entdeckt hatten, wer sie wären, daß er von jenem Vorgänge im Dorfe Slopice und der Rettung seines Herrn durch Rächele und die Ihrigen unterrichtet war. Er, der alte treue Diener des Hauses, der den Fürsten noch auf den Armen getragen und ihm bei seinen losen Knabenstreichen oft genug aus der Kl.mme geholfen, hatte von seinem Herrn die Geschichte seiner damaligen großen Lebensgefahr und Rettung erfahren, war deshalb selbst diesen Juden sehr dankbar gesinnt und kannte auch die Gesinnung seines Herrn zu genau, um nicht auf diese hin seine Handlungsweise einzurickten. Er versichertesie daher der Unterstützung des Fürsten und schilderte zugleich besten Ansehen und Einfluß so groß, daß man sich einbilden konnte, Koref würde im Triumph nach Slopice zurückgebracht werden. Die Hauptsache war, daß er ihnen auf's Leichteste einen Geleitbrief verschaffte, daß diese Leute „in Geschäften des Fürsten Schuwalow" reisten, und daß er ihnen fast für den ganzen Weg Fuhrgelegenheiten anwies. Jetzt ließ es Rächele nicht mehr rasten, und sie eilte die zweihundert Werst zurückzulegen, welche des Fürsten Schloß von der Residenz trennten. Es war also nickt zu verwundern, daß der Fürst die beiden Leute nicht gleick erkannte und namentlich Rächele überaus verändert fand. Wo so viel Kummer und so viel Mühsal einstürmen, da erblaßt die rosigste Wange, verfällt die vollste Gestalt und erlischt das feurigste Auge! „Was ist geschehen," rief der Fürst aus, „daß Euch, Frau Räckele, bis hierher getrieben? Was macht Koref und was die Kinder?" Ter Fürst mußte wirklich voller Theilnahme sein; aus seinem Gesichte prägte sich diese aus, und er trat an unsere beiden Pilger heran und erfaßte die Hände Räckele'ß mit den seinigen. Sie senkte ihr Haupt, und Thränen wie Küsie fielen auf die Hände des Fürsten. Er aber sprach tröstende Worte und führte Rächele zu einem Sitze: sie solle ihm Alles ausführlich erzählen, damit er wisse, was er für sie zu thun vermöge. Dies that sie denn auch ausführlich genug und hielt sich dabei an die strengste Wahrheit, noch dazu, da der Fürst sie darauf aufmerksam geinacht, daß er nur dann im Stande sein würde, die Lage der Dinge richtig zu beurtheilen. Sie übergab ihm auch als Beweisstück den oft erwähnten Brief Petrikows. Der Fürst kannte Koref und Nächele zu genau und ebenso die Art der damaligen russischen Beamten in Polen, um nicht die Geschichte Räckele's in allen Theilen für wahrheitsgemäß zu erkennen. Als sie ihre Geschichte beendet, warf sie sich vor dem Fürsten nieder und rief seine Hülfe an, da nächst Gott er der Einzige wäre, bei dem sie Hülfe erwarten könnte. Der Fürst ließ sie nicht ansreden, er hob sie auf und sagte, daß jedes Wort mehr eine Beleidigung für ihn sei. Er gehöre nicht zu denen, welche empfangene Wohllhaten vergäßen, sobald sie genosien wären, und des Retters nicht gedächten, sobald die Gefahr vorübergegangen. Er habe sich oft genug Vorwürfe gemacht, daß er noch gar nichts für sie habe thun können. Da

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