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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-06 · Heft 23 (6.6.1871) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 23 (6.6.1871)
Date
1871-06-06
Page
Seite 465 (sequence 17)
Language
German
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9 Allgemeine Femlleton-Seilage -u Ar. 83. Leipzig, den 6. Juni 1871. Das Jlldendorf in Sibirien Erzählung ciucS Reisenden. (Fortsetzung.) In einem Salon, der überaus luxuriös und in feinem, wenn auch nicht edlem — denn dieser ist selten — Geschniacke ausgestattet war, stand ein Mann, der etwa die Mitte der Dreißiger erreicht hatte, vor einem großen Trümeau, in welchem er seine ganze Gestalt erblicken konnte. Er mochte eben in seinem Ankleidezimmer seine Toilette vollendet haben und sie jetzt noch einmal überblicken, ob sie in allen Details überall genügend sei. Den besondern Grund für diese kleine Eitelkeit kennen wir nicht; denn der Anzug des Herrn war ein militärischer, und vcrrieth sich auch nur als ein Reisecostüm, da neben ihm auf dem Stuhle ein mit kostbarem Pelz verbrämter Mantel lag. Auch sahen wir kurz vorher auf dem Hofe des schönen und umfangreichen Schlosses einen Reifewagen aus den Stallungen vor dem Portale Vorfahren, der also gewiß bestimmt war, den Besitzer des Schlosses aus diesem wabrsckeinlick nach der Residenz und für die Dauer des Winters, oder vielmehr bis zu dem kurzen russischen Sommer, zu bringen. Der Schmuck der Uniform verräth uns den hohen Rang, sowie die Reihe von Ordenozeichen am Halse und ans der Brust, welche Auszeichuuugen sich dieser, verhältnismäßig doch noch junge Mann bereits erworben. Um es kurz zu sagen, wir sehen den Fürsten Schuwalow im Begriffe, von seinem Stammgut nach Petersburg zu fahren, wo er wahrscheinlich gleich nach der Ankunft militärische Geschäfte hat unv deshalb sorgfältig seine Uniform musterte. Wahrscheinlich wäre der Kammerdiener jetzt so eingetreten, um dem Herrn den Mantel umzuhängen und ihn nach dem Wagen zu geleiten. Aber sein augenblicklicher Zweck mußte doch ein anderer sein, denn er blieb an der Thür stehen und sprach zum Fürsten: „Durchlaucht, so eben drangen ein Weib und ein Mann in die Schloßhalle, die durchaus den gnädigen Fürsten sprechen wollen. Sie seien, sagen sie, viele hundert Werst gewandert, um vor das Antlitz Eurer Durchlaucht treten zu können, und nun ließen sie sich nicht abweisen, und wenn man sie mit der Knute bedrohte." „Was sind das für Leute?" fragte der Fürst barsch und verdrießlich. „Sie scheinen mir Juden zu sein, und zwar polnische von weit herfügte der Diener etwas zögernd hinzu. „Und mit diesem zudringlichen Volke wagst Du es, mich auszuhalten? 3wan, die Ankömmlinge sind wohl nicht so dürftig, wie sie aussehen, sonst hättest Du Dich schwerlich um ihretwillen in -Bewegung gesetzt!" „Um aller Heiligen willen, was denken Sie von mir, Durchlaucht. Vielmehr that ich es nur, weil diese Juden ein empfehlendes Schreiben von dem alten Haushofmeister Eurer Durchlaucht in unserm Palaste zu Petersburg mubrachtcn." „Wie, vom Wassiljew an Dich? und waS schreibt er?" „Nichts als daß er von mir verlangt, die Leute vor das Angesicht unseres gnädigen Fürsten zu bringen. Warum? das mag der schlaue Mann wohl dem Papiere nicht haben anvertrauen wollen; wenigstens steht nichts davon in dem Briefe." „Nun, da muß ich wohl dem Willen des alten Wassiljew genügen, und ich bin selbst neugierig. Laß die Leute hereinkommen, sag' ihnen aber, daß sie sich kurz fassen, denn ich muß fort." Die Thüre des Salons öffnete sich bald, und herein traten Nächele und thr Bruder, machten eine tiefe Verbeugung und blieben dann an der Thüre gebückt stehen. Der Fürst warf einen prüfenden Blick auf die beiden Gestalten. Bald aber trat er einige Schritte näher und ries aus: „Wen sehe ich? Ist das nickt mein treuer 3ekew, der mich nach Mitau gebracht? Und ist dies nicht Frau Nächele? Aber, Himmel, wie seht Ihr aus!" 3a, die Frau Nächele sah schlimm aus, ihre Kleidung, wenn auch von Schmuz gereinigt, war so abgetragen unv verschlissen und verrieth überall das mühsame Werk der Nadel, um sie zusammenzuhalten; ihr Gesicht so blaß und abgefallen, ihre Augen tief liegend, ihre Gestalt abgemagert... Die Beiden hatten zwei Monate gebraucht, um nach Petersburg zu gelangen. Einen großen Theil des Weges hatten sie zu Fuß zurück-

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