Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1871)
- Date
- 1871-06-06
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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458 würde. Die Initiative hierzu müßte indcß, wenn auch nur durch Petition an maßgebender Stelle, von den jüdischen Gemeindevorständen ausgehen, und nach Lage der jetzigen Gesetzgebung dürfte dieselbe Berücksichtigung finden. Christliche Lehrer — und dieselben sind auch nicht immer zu haben — an jüdischen Schulen anzustellen, geht schon wegen Erthcilung des eonsessionellen Religionsunterrichts nicht gut an. Dies scheint auch die kgl. Negierung zu fühlen, indem sic noch niemals, wo dies wegen Mangel eines jüdischen Vehrers geschehen mußte, wie in Grätz, Buck :c., den christlichen Lehrer definitiv angestellt hat. Aus der Mark Brandenburg, im Mai. .Privatmilth.' Ihr Blatt har stets über alle Zustände die Wahrheit unumwunden zu sagen gesucht und von Schönfärberei nichts wissen wollen. Was helfen auch alle pomphaften Reden, wenn daurit doch nur die wirtlichen Schäden verschleiert werden. So sind es zwei Puncrc, über welche mit völliger Offenheit zu sprechen nicht unterlassen werden sollte. Der eine liegt in einem inneren, der andere in einem äußeren Schaden. Was spricht man nicht das Jahr über vom aufopfernden und barmherzigen Sinne, welchen die Juden unter einander üben, und wenn man so die Berichte über die einzelnen Vorkommnisse aus allen Theilen der Welt in der A. Z. d. I. das Jahr überliest, so wird man leicht zu 'dem Glauben veranlaßt, daß dieser jüdische Opfermuts) einen nie dagewesenen Höhepnnct erreicht hat. Bei Lichte und durchweg besehen. ist cs doch ganz anders. Ich kenne hier herum eine Menge Städte mit kleinen Gemeinden, z. B. Beeskow. Hier wird, und so ist es hierherum überall der Fall, zu christlichen Sammlungen, z.B. zu Kirchen, zu einem pietislischen sg. Retlungshause, so bald nur der Name des Herrn Landraths oder Dberbürgermeisters umer dem Eirculär steht, von den Juden reichlich gespendet, so daß z. B. die zehn jüdischen Familien in B. schon öfter mehr gegeben haben als die übrige Stadt zusammen. Wenn cs aber einen jüdischen Zweck gilt, nehmen wir z. B. die Sammlung für die durch den Krieg verutiglückten Glaubensgenossen im Elsaß, so sind die Zeiten schlecht, das Leben theuer, das Geld rar, d. h. für diesen Ztveck nicht vorhanden. Ich gestehe offen, daß alle die öffentlichen Sammlungen für jüdische Zwecke, und wenn sie noch so pomphaft belobt werden, z. B. selbst für die russischen Juden, bei itähcrer Prüfung verhältnißmaßig sehr geringfügig erscheinen und der großen Worte nicht werth, die darüber in die Welt hinansposannt werden und mit denen sich zum Theil die Juden selbst Weihrauch streuen. — Der zweite Punct ist die Gleichstellung in Preußen, resp. in den meisten deutschen Staaten. Ich bin Deutscher genug, utn meinem Vaterlande gern etwas Gutes nachzusagen, bin aber auch Jude und Wahrheitsfreund genug, um einen Lobpsalm nicht da anzustimmen, wo cs unverdient ist, wo das Gegentheil seinen Platz hätte. Da muß ich denn sagen, daß die Gleichstellung oder Gleichberechtigung, wie sie in Frankreich, Holland. Italien verstanden wird, und wie sie diesen Namen allein verdient, in Preußen noch lange nicht vorhanden. Was ist zu verwundern, daß man heutzutage auch hier den Juden das freie Gewerbe und die freie Niederlassung gewährt — soll man sie etwa noch in Ghetti einsperrcn'? Damit ist man aber auch ziemlich mit der Gleichstellung fertig, und jeder Schritt weiter muß nicht btos im Ganzen, sondern auch von jedem Einzelnen mühsam errungen werden, wobei er zugleich auf einen Erfolg nur selten zu rechnen hat. Sic sagten neulich: „Im Kleinen spiegelt sich das Große ab." Lassen Sie mich ein solches kleines Beispiel ansühren, das aber um so beredter spricht. ' In demselben Beeskow, wo zehn jüdische Familien leben, hat die Gemeinde einen geprüfien Religionölchrer, dessen Gehalt selbstverständlich nur ein kärgliches ist. Derselbe kam darum ein, ihm wie dcu übrigen Lehrern des Ortes das Schulgeld für seine Kinder zu erlassen. Der Magistrat schlug cs rundweg ab; die Stadtverordneten beschlossen das Gesuch zu genehmigen. Da mischte sich die kgl. Negierung zu Potsdam hinein, entschied, daß der Ministerialerlaß von: 25. November 1867 keine Anwendung auf den jüdischen Ncligionslehrcr habe, und die Stadtverordneten mußten ihren Beschluß;urückuehmcn. Ueber diese Verhandlung war ein Jahr verflossen, und der arme jüdische Lehrer mußte 12 Thaler Schulgeld mit einem Male nachbezahlen. Dagegen sollte in Storkow dem neuen Superintendenten ein 'Waschhaus u. s. w. gebaut werden; die Kosten wurden repartirt, und nach Beschluß derselben königl. Regierung mußten die Inden dazu beitragen; ihr Widerstreben half nichts, die Gelder wurden cxecutorisch cingezogen. Ich frage, kann man hier wirklich von Gleichberechtigung sprechen? Und ist dies nicht blos