Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1871)
- Date
- 1871-06-06
- Page
- Seite 453 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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453 erhalten bei den deutschen Juden. Wir, die wir uns unter dem Eindrücke befinden, der große Militärstaat könne möglicherweise eine Reaction einführcn, wir trösten uns damit. In dem Augenblick, wo für das Vaterland jenes Ideal der Einheit erfüllt worden ist, welches 18-4 8 geschaffen wurde, in jenem Jahre, dessen Programm jetzt erst zur Ausführung gelangt, da wird sich auch die Sehnsucht der Nation nach allen Richtungen, auch nach der freiheitlichen Richtung hin erfüllen. Und das gehört gar sehr zu unserer heutigen Tiscussion. Ich inöchte den Muth der Judenheit ausrufen, ich möchte, daß sie sich aufraffe, daß sie sich sage: cs giebr mehr zu thun, als sie bisher gethan hat, cs giebt etwas zu thun, ras uns in unseren eigenen und in Anderer Augen hebt. Denn wenn wir auch nach dem Gesetze gleiche Rechte haben, wenn auch die Judenheit emancipirt ist, so ist doch ras Judent h u m noch ganz unbeachtet geblieben. Noch hat der Staat keine Notiz von ihm genommen, es hat keine Vertretung beim Staate, ras hat auch der Krieg wieder gezeigt. So bei den besonderen Gottesdiensten, bei Bußtagen, beim Dankgottesdienste, wo man die Juden nicht zur Theilnahme aufgefordert hat - das Jurenthum existirt eben für den Staat nicht. Ich darf hierbei nicht unterlassen, zu bekunden, daß sich dies nicht auf unsere Stadt bezieht; unsere Behörden haben alle Confessionen ausgefordert zur Beiheiligung; aber in vielen Staaten Deutschlands und spcciell in Preußen wurden in dieser Hinsicht viele Klagen laut. ' Bravo.) Man nimmt keine Notiz davon, daß wir Religionsschulen brauchen, die Gesetzgebung nimmt keine Rücksicht daraus, daß unsere Religionslehrer, unsere Prediger und Rabbiner erhalten sein wollen, wozu der Staat Beiträge zu geben hätte, es wird keine Sorge für Pensionirung unserer Beamten getragen. Bei wirklicher Durchführung des Princips der „freien Kirche im freien Staate" würden wir auch keine Staatshilse beanspruchen; dann aber brauchten wir auch nicht für andere Confessionen mitzusteuern. So lauge aber dieses der Fall, ist geltend zu machen: Was dem Einen Recht, ist dem Andern billig. -— Daß das Judcnthum Anerkennung finde, dafür haben wir eben zu sorgen. Nun, meine Herren, ich weis; wohl, daß unter geordneten Verhältnissen eine rasch uinstürzcnde Veränderung nicht leicht zu erzielen ist — das ist ja eben der Unterschied zwischen Reform und Revolution. Völker, die schnell zu Revolutionen geneigt sind, können leicht mit der Vergangenheit in jeder Beziehung brechen, wie dies bei unseren westlichen Nachbarn geschehen ist, die sofort Alles modern hergestcllt haben; bei uns aber geht Alles ganz normal, reformatorisch; da ist es eine doppelte Arbeit; man geht langsam, sicher und wohlbegründct vorwärts. Sich der Angelegenheit aber anzunehmen, daS wird Aufgabe des Gemeindcrags sein. Sowie der Engländer sein Board of British Jews hat, der Amerikaner und Italiener seine Organisation, der Franzose seine Consistorial-Verfassung und seine Alliance israelite universelle «welche letztere sich freilich noch weiter über die Grenzen Frankreichs gehende Aufgaben stellt», so müffen auch wir deutschen Juden ein Ccntralorgan haben. Speeielle Aufgaben würden dem Gemeindetage auch nicht fehlen, daS zeigen unter Anderm die in unserem heutigen Programm ausgestellten Puncte: 1. Vertretung der Interessen des Judcnthumö und der Judenheit bei den Negierungen und den Factorcn der Gesetzgebung. 2. Gegenseitiger Austausch an Erfahrungen in der Verwaltung. 3. Organisation der Armenpflege mit Beseitigung der Wanderbettelei durch zweckmäßige Wvhlthätigkcit nach außen. 1. Schaffung eines zweckmäßigen Systems der Pensionirung unserer Gemeindebeamten ohne Unterschied der religiösen Richtung. .8. Förderung der Alliance isradlite universelle. Ich kann nicht umhin, auf einen dieser Puncte wenigstens näher einzugehen. Was die Armenpflege betrifft, so will ich mich nicht über die Nothwendigkeit verbreiten, daß diese für die Einheimischen zu ordnen ist; ich möchte mich aber über die wirklich brennende Frage der Wandcrbettelei aussprechen, und ich glaube, selbst jene Herren, welche unserer vorjährigen Versammlung bcigewohnt haben, werden der Sache einige neue Seiten abgewinnen. Ich meinerseits habe nämlich eine rituelle Frage daraus gemacht, ich habe mich an verschiedene Rabbinen, auch an solche von der orthodoxesten Richtung gewandt und ihnen folgende Sch aale vorgelegt: „Ist ein Jute joze, wenn er das Betteln unterstützt, indem er bei den Fremden in bisheriger Weise zeduka, gemiluss elicsed übt?" Volkswirthschasllich heißt es Einen zu Grunde richten, wenn man ihn aus seiner Carriere reißt, ihn zum Vagabondiren veranlaßt. Aber mehr! Wir wissen, was es sagen will, daß Männer, Frauen und Kinder auf solche Wanderungen gehen; sie können in ihrer Sittlichkeit nur Schaden nehmen und ihre Gesundheit muß zurückkommen. Letzteres sehen Sie ganz deutlich, wenn sie einen Schnorrer beobachten. Heute kommt er als Bettler, aber nach fünf Jahren kommt er