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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-06 · Heft 23 (6.6.1871) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 23 (6.6.1871)
Date
1871-06-06
Page
Seite 452 (sequence 4)
Language
German
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452 sorgung der jüdischen Soldaten mit Mazzcs am Pesach ebenfalls ein Freiwilliger (Rabbiner I)r. Hildesheimer, Berlin) in Angriff nehmen. Aber noch mehr! Selbst nachher — und dieses muß man besonders hervorheben, — als eine Eingabe von einem preußischen Rabbiner und Redaeteur, Rabb. Dr. Trcuensels in Stettin, an das Kriegsministerium gelangt war, daß Feldgeistliche angestcllt werden möchten, und er selbst drei Freiwillige vorgcschlagen hatte, welche sich der Sache ohne Entschädigung annehmen wollten, hat man nach langem Warten zuerst eine ablehnende Antwort erhalten, und erst aus allerhöchsten Befehl wurden jene drei Männer zugelassen; es wurde aber wieder ausdrücklich bemerkt, „der Militärfiscus hätte keine Mittel, sie zu versorgen." Diese Thatsache braucht man nur zu erzählen, um das Haarsträubende jedem Einzelnen klar. vor die Augen zu führen. Diese echt junkerliche Antwort wird noch ausgewogen von einem anderen Falle aus der Kriegszeit. Sie wissen, daß der Oberkirchenrath in Preußen sich veranlaßt gefunden hat, gegen den Uebertritt vom Christcnthume zum Iudenthume besondere Maßregeln zu ergreifen, was ihm Keiner verdenken kann. Aber in diesem Erlaß wurde in gröblicher Weise verleumdet; es wurde gesagt, daß die Juden heute noch den Stifter der Mehrhcitsreligion beschimpfen und erniedrigen: eine offenbare Verleumdung. Wir wiffen, und die Welt weiß es, daß alle Proselytenmacherei von jener Seite ausgeht, wir aber legen den Uebertritten zu unserem Bekenntnisse alle möglichen Hindcrniffe in den Weg — wir sind uns selbst genug. Hätten wir nun eine Centralvcrtretung, eine Organisation, so würde gewiß Nachdrückliches gegen solche Borgänge geschehen. Ein öffentlicher Protest des Berliner Gemeinde- Vorstandes und einzelner Nedacreure jüdischer Blätter war das Einzige, was von jüdischer Seite erfolgte; ganz anders könnten wir auftreten, wenn wir im Namen hunderter von Gemeinden sprechen könnten! Wir haben große Opfer gebracht, die deutsche Judenheit hat bewiesen, daß das Vaterland ihr theurer ist, als ihre besonderen Interessen, sie har das auch schon während des ersten französischen Krieges gethan, als die „Nation der Freisinnigkeit", die man eine „Missionare 'Nation" nannte, ihr die. Menschenrechte darbot; auch damals hat die deutsche Judenheit ihr Leben eingesetzt für die Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrschaft, sie hat gezeigt, daß sie ein Herz hat für das Vaterland, daß ihr der Boden, auf dem sie geboren, als heilig gilt. Nun aber wird es endlich einmal Zeit, daß wir auf unserem Scheine bestehen, unser Recht geltend zu machen. (Bravo.) Gerecht wollen wir sein, und ich benutze gern die Ge- Gelegenheit, um die Discussion zu berühren, welche mehrfach entstanden ist, und in welcher besonders außerdeutsche Glaubensgenossen geltend machten, daß die Franzosen in der Thal die Menschenrechte proclamirt haben, daß ihnen also sich unsere Sympathieen zuwcnoen müßten. Aber dagegen wollen wir das Eine nicht vergessen: Ein Volk, das eine Revolution macht, bricht mit der Vergangenheit, eS kann daher die socialen und die gesetzlichen Verhältnisse auf neuen Grundlagen aufbauen, und so konnte dies in Frankreich geschehen. In Deutschland entbrannte erst seit 1S-18 eine Revolution unt zwar in sehr gemäßigter Weise. 'Als aber die freigewählten Vertreter des Volkes in Frankfurt tagten, haben sie sofort die Menschenrechte proclamirt und volles gleiches Recht für Alle. Das wollen wir nicht unterschätzen. Wenn aber nach den ersten Befreiungskriegen nicht alle Verheißungen und nach 1S 1S nicht alle Verspreckungen dem deutschen Volke erfüllt wurden, — sollen wir uns beklagen, daß wir mit dem deutschen Volke gleichfalls verloren, was für uns errungen war?- Wo seit jener Zeit eine freie Vertretung irgend eines Volksstammes wieder getagt, hat sie überall vollkommene Gleichberechtigung aller Confessioncn verlangt. Im deutschen Reichstage sind es sogar unsere Erz-Gegner (die Ultramontanen) gewesen, welche sich ans dieses Princip der Freiheit und Gleichheit aller Confessionen berufen haben. Heut zu Tage wagt man gar nicht inehr, dies Princip anzutaften. Da aber, wo Minoritäten, Rückwärtsströmungen von oben oder von unten, Bestrebungen privilegirrer Classen, junkerlicher und geistlicher Körperschaften immer noch die Ausschließung wollen, wo sie sich sogar in die Regierung eindrängcn, selbst da läßt sich zuversichtlich hoffen, daß der Geist der Nation durchgreifen wird, und daß diese Strömungen ohne Einfluß auf das große Ganze bleiben werden; und die Reform wird durchgeführt werden trotz der Mühler und Consonen. > Bravo.) Eine deutsche neue Verfassung ist entstanden, das Symbol der Einheit ist in einem deutschen Kaiserthum geschaffen worden. Auch dieses ist nicht fremd dem jüdischen Geiste, denn es besteht eine alte Ueberliefcnmg, die in dem Buche „Heilsvcrkündcr" aus dem Jahre 02, von einem sehr bekannten jüdischen Schriftsteller, Don Isaak Abarbanel, der unter Ferdinand dem Katholischen in Spanien Minister war, niedergelegt ist. Es heißt da: „Es ist eine Ueberlieferrmg bei den deutschen Juden: „„Wenn ein deutsches Kaiser- Lhum gegründet wird, unabhängig von Rom und von Frankreich, so wird es den Beruf haben, die messianische Zeit in's Leben zu rufen." " Und diese Tradition hat sich

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