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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-06-06 · Heft 23 (6.6.1871) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 23 (6.6.1871)
Date
1871-06-06
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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450 während die anderen 00 kaum 10,000. Unser Antrag ward aber durch die Majorität verworfen. Wir macken den gesckätzten Leitern der Versammlung daraus keinen Vorwurf, denn der ganze Gedanke war von allen Anwesenden «etwa 80) mit so einmüthiger Wärme ausgenommen worden, daß es vielleicht engherzig erschien, die schnelle Realifirung bei einer Zahl von 100 Gemeinden zu bezweifeln, und man daher vorzog, mit einer größeren Anzahl auf dem Plane der Thätigkeit zu erscheinen, als mü einer geringeren. Der Erfolg hat aber leider gezeigt, daß auch hier eine lange Erfahrung und Beobachtung das lraurige Vorrecht praktischerer Beurtheilung der Wirklichkeit besaß. Wir erwähnen dies hier nur, weil wir es noch heute für angemessen erachten, den Verband jüdischer Gemeinden in Deutschland mit den bereits beigetretenen 00 Gemeinden, unter welchen sich die größten Deutschlands befinden, zu constituireu, und weil wir hiermit an das betr. Comitö ausdrücklich die Aufforderung richten, die 00 Gemeinden zu befragen: ob sie damit einverstanden feien, den deurfch-israelitifchen Gemeindebund auch bei. der Zahl 00 zu constituiren? Läuft, wie wir glauben, die Zustimmung der Mehrheit ein, so zögere man nicht länger und gehe an das Werk. Es werden sich dann bald noch eine größere Anzahl Gemeinden dazu verstehen, und der Gedanke endlich Verkörperung finden. Wir brauchen hier wohl nicht mehr geltend zu machen, daß die Anschuldigung, das beabsichtigte Institut habe den Charakter der Ausschließlichkeit, eine verwerfliche und in der Gegenwart überlebte sei. Es existiren auf dem confessionellen Gebiete Protestantenvereine, Katholikenvereine, Gustav-Adolph-Vereine, Vineenz- Vereine u. s. w. genug, so daß man einen Verband jüdischer Gemeinden nicht als ein außergewöhnliches und unberechtigtes Werk anzusehen braucht. Hierzu kommt, daß, während jene Vereine mehr oder weniger einen propagandistischen und polemischen Charakter und Zweck haben, dieser jüdische Gemeindeverband nur innere Zwecke und nach außen hin höchstens den der Vertheidigung gegen An- und Uebergrisfe, welche die Juden betreffen, verfolgt. Dieser Gemeindeverband hat statutenmäßig und wie es in der Natur von Gemeindecorporationen liegt, gar keine theoretischen oder doctrinären Tendenzen, und mit anderen Coufessionen als solchen gar nichts zu thun. Die Verbesierung und Festigung des Gemeindewesens, namentlich bei der früher oder später bevorstehenden Umwandelung aus, vom. Staate geleiteten, vom Staatsgcsetze bestimmten Corporationen in freie Genossenschaften, die Regelung und durch größeren Verband zu bewerkstelligende Förderung des Armenwesens und Gründung größerer Veranstaltungen für Waisen, Wittwen, Kranke, Greise u. s. w^ Verhinderung des Bettelwesens, Organisation des Schulwesens und Herstellung von Seminarien u. dgl., gemeinschaftliche Förderung von Petitionen u. dgl. zur Erreichung und Vertheidigung der Gleichberechtigung, dies sind die Zwecke des beabsichtigten Verbandes jüdischer Gemeinden in Deutschland, und fürwahr, jeder Vorurteilslose unter Juden und Christen wird dies als ein sehr löbliches Werk ansehen, dessen bisherige Nichtexistenz mehr ausfallen müßte, als daß es jetzt erst ins Leben treten soll. Man vergesse nicht, daß die Juden in zahllose kleine Bruchtheile zersplittert sind, die in ihrer Jsolirung für jedes größere Unternehmen, und wenn es noch so unentbehrlich wäre, ohnmächtig sind, und welche in einem Verbände kaum das darstellen, was eine Mittelstadt von 80—100.000 Seelen gilt. Die 400,000 Juden im jetzigen deutschen Reiche (einschließlich Elsaß und Deutsch-Lothringen) sind in mehr als 1600 Gemeinden vertheilt, und da ist ein größerer oder kleinerer Verband für jedes gemeinnützige Unternehmen so nothwendig, daß sich gar nichts darüber oder dagegen sagen läßt. Man schreite also endlich zur That, mit frischem Muthe und der Ueberzeugung, daß, wenn man erst aus der Form zmn Leben gekommen, ein stetiges Wachsen nicht ausbleibt. Andrerseits mögen die Gemeinden aus ihrer Gleichgültigkeit, ans ihrer kleinstädtischen Selbstgenügsamkeit, aus ihrem schädlichen Schlendrian erwachen und sich an einer, mit so geringen Opfern verknüpften Vereinigung betheiligen! Ja, der Bestand des Judenthums ist an solche äußere Unternehmungen und Werke nicht gebunden; es ist durch eine viertausendjährige Geschichte zu tief in das Herz seiner Bekenner eingegraben, als daß sein Dasein von äußeren Umständen und Erscheinungen abhängig wäre. Aber daß es zu einer vollen und umfangreichen Wirksamkeit, zu seinem ganzen Einflüsse auf Alle und die Einzelnen komme und zwar zu einer Zeit, wo so viel Zersetzendes auf alle Religionen und Sittlichkeit einstürmt, dazu bedarf es der Anstrengung, dazu der vereinigten Kraft derer, welche Sinn und Bewußtsein für seinen Werth haben. Diese also mögen nicht anstehen, auch für den deutsch-israelitischen Gemeindebund zu wirken! Sie mögen die Zeit dazu benutzen, die sich eben bietet, und die Gelegenheit nicht leichten Sinnes vorübergehen lassen. Die Bereinigung

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