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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-30 · Heft 22 (30.5.1871) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 22 (30.5.1871)
Date
1871-05-30
Page
Seite 447 (sequence 19)
Language
German
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447 angesehen wäre; er lebe theils in Petersburg selbst, theils auf einem Gute, einige hundert Werst von der Hauptstadt entfernt. Jetzt wußte Rächele, was sie zu thun habe: sie ergriff abermals den Wanderstab in Begleitung ihres Bruders, um den Fürsten persönlich aufzusuchen. Die Abmahnungen der Freunde, die Schilderung der Gefahren und Mühseligkeiten einer solchen Reise, der Schwierigkeiten selbst, welche ihr auf dem Wege von Beamten und Polizisten gemacht werden würden, alles Dies blieb eindruckslos auf sie. Sie verließ sich auf Gott, der sie aus ihrem Elende erretten werde, und auf eine wohlgefüllte Börse, die sie und ihr Bruder freilich auf's Aengstlichfte versteckten; sie verließ sich auch auf den Beistand, den ihr aller Orten bei ihren Glaubensgenossen ihr namenloses Unglück verschaffen werde. Sie brannte fieberhaft vor Begierde, ihre Wanderung antreten zu können, und der Gedanke, daß jeder verlorene Tag ihren Manu einen Tag länger in seinem Elend schmachten ließ und vielleicht Krankheit und Tod beschleunigen würde, ließ sie nicht ruhen noch rasten. Vorerst war es aber keine kleine Schwierigkeit, die nöthigen Pässe zu erlangen. Man durfte weder das Ziel ihrer, noch deren Zweck offenbaren, weil man ihr sonst schwerlich Pässe verabreicht hätte. Man mußte eine andere Stadt nennen und vorspiegeln, daß die Frau dort Verwandte habe, wo sie für ihre Zukunft eine Zuflucht suchen wolle, um für schweres Geld die nöthige Legitimation zu erlangen. Rächele und ihre Freunde setzten voraus, daß es dort gelingen werde, neue Pässe für eine weitere Reisestation zu erhalten, um so nach und nach sich dem eigentlichen Ziele zu nähern. So machte sie sich denn an einem Herbftmorgen auf den Weg, ohne darauf zu achten, daß die rauhe Jahreszeit, daß ein russischer Winter ihr bevorstehe. Die Üeberzeugung, daß sie alles Dies für ihren Mann und ihre Kinder unternehmen müsse, ließen in der heldenmüthigen Seele unserer Rächele kein Bedenken, keinen Zweifel aufkommen. Ihre eigene Person galt ihr um solchen Preis nichts; ja, sie glaubte, mit jeder Beschwerde und jeder Gefahr ein Opfer mehr darzubringen, für welches die Vorsehung ihr ein glückliches Gelingen schulde, oder vielmehr nach ihrem frommen Sinne, welches der barmherzige Gott vorsichbringen und dafür durch die Rettung ihres Mannes sie belohnen würde. lEortsctzung folgt.) Hagar in der Wüste. Referat von Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. Unsere Bibel hat gar Bielen schon den Stoff geliefert zu poetischen Gedaukenergüsien, zu epischen wie dramatischen, zu lyrischen wie rein didaktischen Dichtungen. Das Poem, mit welchem wir es hier zu thun haben, ist gcmisiermaßen dualer Natur, nämlich theils epischen, theils lyrischen Charakters, entspricht aber ziemlich treu und vollständig nach beiden Seiten hin dem, was von jeder derselben zu fordern. Es ist von einer Dame, der poetisch sehr begabten Katharina Diez, gedichtet, und der Gegenstand der Dichtung ist ebenfalls ein weibliches Wesen, die Aegypterin Hagar, welche aus der niedern Magd des Patriarchen A b r a m zu dessen Ehegespons emporgehoben (Gen. 16, 3.>, aus seinem Hause aber dann zwei Mal verbannt worden. Es kann gleichgültig sein, ob Abram mit Hagar ein legitimes oder nichtlegitimes Bündniß geschlossen; sie ist jedenfalls sein Weib geworden und hat ihm einen Sohn geboren, der als solcher von seinem Baker stets die rechte Anerkennung gefunden.. Der hochangesehime Patriarch hat dem Sohne der Sklavin den Namen verliehen, den er tragen sollte «Gen. 16, I5i, .hat für seine Wohlfahrt zu Gott gebetet und Erhorung gefunden, ja, sogar auch „großartige Verheißungen^ erhalten (Gen. 17, 18 und 20», hat ihn durch den Act der Beschnei düng in den „Bund des Herrn" ausgenommen (Vers 231 und hat endlich ob dessen stieflnütterlicher Mißhandlung von Seiten Sarahs seinen gerechten Unwillen nicht unterdrücken können iGen. 21, 11). — Alle diese Momente, in der heiligen Urkunde durchaus nicht ganz schwach betont, berechtigen aber Hagar, die Mutter Zsmaels, zu»n entschiedensten Anspruch auf unser volles Interesse, ganz abgesehen auch davon, daß diese Mizrattin von einem so überaus tragischen Geschicke betroffen worden, welches sicherlich nicht wenig geeignet ist, unser Mitgefühl für sie zu erregen und rege zu erhalten. Und gerade dieses Mitgefühl nur scheint es zu fein, das unsere Katharina Diez in so hohem Grade erfüllt und begeistert, daß sie der Heldin ihrer Dichtung die wärmsten Ergüsse ihres Herzens widmet und ihren Worten zumeist einen so schönen, hochpoetischen Schwung verleiht, der nicht minder ihre edlen Empfindungen ehrt, als er ihr wirklich dichterisches Talent entschieden bekundet. Für uns aber ist all das bisher Angeführte — und hoffentlich auch für Den Leser - Grund genug, um in diesern fpccifisch jüdischen Blatte der Dichtung der Katharina Diez eine kurze Besprechung zu widmen, so wie dieselbe auch mit einigen Eitaren aus dem Werke selber da und dort zu dnrchflechten. Hagar ist bekanntlich zwei Mal, zuerst vor der Geburt Jsmaels, und das zweite Mal eine geraume Zeit nach der Geburt desselben, und zwar mit ihrein Kinde gemeinschaftlich, aus AbramS Hause verbannt worden. Es ist aber gerade die zweite Verbannung Hagars, welche unsere Dichterin zum Thema ihrer Dichtung gewählt hat, und deren Schluß sie erst, wie wir später sehen werden, in die Geschichte des längst vorangegangenen ähnlichen Ereignisses zurückzugreifen veranlaßt. Das große Tableau, das die Dichterin vor unfern Augen entrollt, zerfällt nach den verschiedenen Situationen, in denen die Heldin der

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