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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-30 · Heft 22 (30.5.1871) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 22 (30.5.1871)
Date
1871-05-30
Page
Seite 448 (sequence 20)
Language
German
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448 Dichtung auftritt, in sechs Einzelbilder, und diese einzeln zu skizziren, soll hier unsere Aufgabe sein. Erstes Bild. Es schildert, anlehnend an Gen. 21, 14., den Act der „Verbannung" (der zweiten nämlich), die Hagar zu erdulden hat. Wir sehen diese, mit Bror und Wasser auf der Schulter und dem Knaben an der Hand, das Haus Abrams verlassen und lauschen theilnehmend ihren Worten, mit welchen sie sich verabschiedet von ihrem Gebieter, und den innigsten Dank ausdrückt für Alles, was sie bisher genossen, namentlich aber auch für die letzten Liebesgaben, die sie nun empfangen: O, lasse noch einmal die Hand Mich küssen, die streng mich verbannt! Der Trunk, den Dem Brunnen Dir bot, Von Deinen Händen das Brot, Ich nehm' es dankend Dir ab, — Das Letzte, was Liebe mir gab. Noch nicht denkend an Das, was ihrer draußen wartet, beklagt und beweint es Hagar jetzt nur, mit ihrem Sohne das bisherige Heim verlassen zu müssen. Aber so hart ihr dies Geschick auch erscheint, so segnet sie dennoch Den, der es ihr beschieden, und hat an ihn nur den einen Wunsch, nur die eine Bitte: Gebieter, o denkst Du an mich, — Dann glaube: Ich bete für Dich! Zweites Bild. Hagar zieht mit ihrem Sohne von dannen, und indem sie diesem alles das in's Gedächtnis zurückruft, was bisher ihn ergötzt und erquickt hat, läßt sie ihn zugleich auch erfahren, was er von jetzt ab so schmerzlich würde entbehren müssen: Nicht wirst Du Kanaans sanfte Traubenhöh'n, Nicht mehr des Jordans blaue Fluchen seh'n, Dir säuselt nicht mehr Mamre's Palmenhain, Rings starrt um uns der Wüste rauh Gestein. Ja, die Wüste ist's, wohin Mutter und Sohn nunmehr gekommen, die Wüste mit ihrem „heißen Sand"' und ihrem ..Sonnenbrand", die Wüste, wo „kein Vogel singt" und w.' „wo kein Quell entspringt", wo nur der heiße Samum veht, der aber die arme Unglückliche bereits so peinigt, daß sie es nicht unterdrücken kann, über Gott selber sich zu beklagen: Jehovah! streng und hart ist Dein Gebot: Warum der Liebe Trennung, Schmach und Tod? Und nun regt sich auch noch der nagende Wurm der Eifersucht in ihrem Herzen, der Eifersucht gegen ihre Nebenbuhlerin, gegen Sarah, die so froh und glücklich daheim, während sie, die Sklavin, draußen in der Irre wandern muß: Sie geht geehrt und froh und stolz und reich, Ihr Kind ist, wie ein frischer Blüthenzweig. — Liebt sie ihn mehr als ich, die niedre Magd, Bon HauS und Hof hinaus in Schmach gejagt? Aber weit mehr noch, als ihr eigenes Geschick, drückt sie daS ihres Kindes darnieder, welches sie jetzt nur noch um so tiefer zu bejammern, um so schmerzlicher zu beklagen hat, als ihr sogar auch die letzten Erhaltung smittel für dasselbe ausgegangen: Komm' an mein Herz, lehn' Dich an meine Brust, Mein Leben, mein Tod, mein Schmerz, all meine Lust! Nimm diesen Trunk, — nun ist das Krüglein leer,— Dies Stückchen Brot, — ich habe keines mehr. Dein Vater gab es uns, — o segn' ihn Gott! Auf, auf, mein Sohn, uns treibet sein Gebot! — Das Schlimmste ist gekommen, die Katastrophe ist eingetreten. Hagar ist vom tiefsten Grauen ergriffen bei dem Anblick der vor ihren Augen immer weiter sich ausdehnenden Wüste, der sie zuruft: Lautlose Oede! was brütest Du? Und welchem Ziele führst Du mich zu? Die Verzweiflung steigt und treibt ihr nun gar das grausige Wort auf die Lippe: Einsamer Tod, o sag', was wartest Du? — Plötzlich jedoch, vom aufwirbelnden Staube und einem zuckenden gelben Lichte etwas ermuthigt, besinnt sie sich eines Andern, gewinnt wieder Lust am Leben, und betet: O Gott, ein Trosteszeichen gieb, O wehre noch den Tod mir ab, — Nicht mir, nur diesem Kind zu Lieb', Dem ich allein nur Schutz und Stab! Und, zu dem lechzenden Kinde selber gewandt, fährt sie fort: Zum Himmel hebe Deine Hände, — Die meinen sinken matt und schwer — Und bete, daß er Rettung sende In dieses Sandes wüstem Meer! Die Dulderin versinkt in tiefes Nachdenken und hat eine wundersame Vision. Ein heller Schein ist's, der im fernen Osten ihr am Himmel erglänzt, und ein gar lieblich Gebilde, das nunmehr ihrem Auge sich darbietet. Die Vergangenheit steht vor ihren Blicken. Sie sieht Hebron mit seinen Feldern, wo sie Garben gebunden, sieht's mit den Wäldern, wo sie Heerden gehütet, sieht Abrahams Haus und Brunnen und Garten, rühmt seine Güte, dankt seiner Liebe und schließt endlich: O schönes Bild, das tröstend schwebt, Verkläret in des Himmels Blau, Sich wie in Purpurwolken hebt, — Es träuft auf mich, wie Morgenthau! Des Todes Bande sind gesunken, Nicht schmerzen mehr der Wüste Dorn, Und Muth und Kraft Hab' ich getrunken Aus der Erinn'rung süßem Born.— tFortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur Ur. H. Lotzr.

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