Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1871)
- Date
- 1871-05-30
- Page
- Seite 446 (sequence 18)
- Language
- German
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446 diese ihre Gemeinsamkeit sich zur Zeit an den einzelnen ihrer Feinde zu rächen verstanden. Was eben dieses allgemeine Mißgefühl an dem Geschick eines ihrer Brüder bewirkte, vergrößerte sich in den Augen ihrer Gegner zu einer allgemeinen und ununterbrochenen Verbindung, die in Wirklichkeit so niemals bestand. Diese Art Furcht vor den Juden brachte wenigstens Pas zu Wege, daß man bei ihrer Mißhandlung und Bedrückung immerhin einen gewissen Schein der Gesetzlichkeit beobachtete, weil man von ihrem Scharfsinn und ihrer Schlauheit wußte, daß sie irgend eine Verletzung der gesetzlichen Formen sofort benutzten, den Vorgang an eine höhere Instanz zu bringen, was sie wiederum durch ihre Verbindung zu bewerkstelligen vermochten. Mochte nun diese Oberbehörde die schlimme Behandlung der Juden nicht allzusehr mißbilligen: so beständige Klagen waren ihr unangenehm, denn auch sie mußte ja den Schein von Untersuchung und Bestrafung bewahren, da zuletzt der Czaar selbst ein Mann strengster Gerechtigkeit und bei mildem Character leicht erregbar war, auch nicht selten in der höheren Instanz irgend ein Feind des betreffenden Beamten saß, der dann die Sache mit größerer Strenge behandelte. Darum geschah es auch, daß in Polozk die Angelegenheit Korefs, ohne diesen freilich persönlich zu schonen und vor Mißhandlung zu schützen, sehr förmlich genommen und nach allen Vorschriften des Gesetzes fortgeführt wurde, und, was noch mehr werth war, daß der Herr Bezirksoberst Petrikow, als er den Aufenthalt der Frau Kachele in Polozk, wo sie sich offen zeigte, erfuhr, sich Etwas gegen sie zu unternehmen wohl hütete. Rächele war unermüdlich, bei allen Richtern und angesehenen Personen der Stadt sich Gehör zu schaffen, und diesen den wahren Gang der Dinge vorzutragen und den Brief Petrikows als Beweisstück vorzulegen, ohne diesen aus ihren Händen zu lasten. Sie wurde überall zurückgewiesen; die Oeffentlichkeit, mit welcher Petrikow unter Zuziehung anderer Beamten gehandelt hatte, diente zum Vorwand, alle diese Einwendungen der Frau, die ja auch Koref selbst schon vorgebracht, als Fabeleien, als gerichtlich nicht zu erweisende Einreden von sich abzulehnen. Da half das Wehklagen und die Verzweiflung der armen Frau nichts. Das Gericht sprach sein Urtheil, und die Wegführung Korefs geschah so schnell, daß Rächele auch nunmehr ihn nicht zu sehen bekam, und ihn auf dem Wege nach der furchtbaren Eisregron wußte, ohne nur von seinem Gesundheitszustände und wie er dieses grenzenlose Unglück ertrüge, unterrichtet zu sein. Wie geschäftig war die Phaniasic dieses treuen und liebevollen Weibes, sich daS Bttd ihres gefestelten und fortgeschleppten Mannes mit noch schwärzeren Farben auszumalen, als es vielleicht in der Wirklichkeit war. Selbst der Gedanke an ihre Kinder erhöhte nur ihren Schmerz; waren sie doch nun vaterlose Waisen, die nach menschlichem Ermeffen ihn niemals Wiedersehen würden! Dennoch erhob sich auch dies Mal die kräftige Seele Rächele's über ihr Verzweiflung und ihre Trauer. Inmitten einer ihrer schlaflosen Nächte, wo ihr Haupt auf dem thranenfeuchten Kisten keine Ruhe fand, kam ihr wie durch eine Eingebung von oben ein Gedanke, der ihr sofort als ein rettender Gedanke erschien, den sie mit aller Kraft erfaßte, der ihre Thränen sofort stillte und das Wogen ihres Herzens beschwichtigte. Das Bild ihres nunmehr verödeten Hauses, ihrer ausgeraubten Niederlagen, ihres für immer verlorenen Besitzthums war vor ihrer Seele so recht lebendig geworden. Daran reihte sich der Gedanke an die unselige Höhle, die einst ihre Rettung, und nun die Quelle ihres Unglücks geworden — und da blitzte in ihr die Erinnerung an jenen Ulanenhauptmaun, an den Fürsten Schuwalow auf, an das, was sie und ihr Mann für ihn gethan, und an seine Versprechen beim Abschiede. Der mußte helfen, und wie sie ihn zu kennen glaubte, würde er helfen! An ihn muffe sie sich wenden, hier würde die Quelle der Rettung sich ihnen eröffnen! An diesen Gedanken klammerte sich sofort die ganze Seele des unglücklichen Weibes, und die beseligende Hoffnung, die zweifellose Ueberzeugung. die sich ihrer bemächtigte, gab ihr eine Bürgschaft mehr, daß ihr dieser Gedanke von Gott gekommen und sicher zu ihren Gunsten ausschlagen würde. Sie konnte kaum den Anbruch des Tages erwarten, um sofort an seine Ausführung zu gehen. Das Erste, was zu thun nothwendig, war, in Erfahrung zu bringen, ob und wo der Fürst lebe? Unverzagt wandte sie sich an den reichsten und angesehensten Juden von Polozk mit der Bitte, durch seine Verbindungen in Petersburg nach dem Fürsten zu forschen. Sie fand das wohlwollendste Gehör, und es sollten die nöthigen Schritte alsbald geschehen. Freilich war damals die Correspondenz mit Petersburg aus einer polnischen Provinzialftadt noch eine sehr langsame und nicht einmal zuverlässige. Die Wege waren schlecht, die Communication keine directe, sondern lief im Zickzack von einer größeren Stadt zur anderen, das Postwesen für Privatcorrespondenz sehr ungenügend und verschleppend. Auch konnte man nicht erwarten, daß der Correspondenl des Mannes sich in der günstigen Lage befinde, sofort über den Fürsten Schuwalow Auskunft geben zu können. Es gab der Fürsten und Officiere in Petersburg gar zu viele, und das Leben war noch nicht ein so reges wie jetzt, wo alle Stände und Elasten in naher und imlnerwährender Berührung stehen. Rächele mußte sich daher in Geduld zu fasten. Dennoch schien der Entwurf ihrer Seele vom Geschicke begünstigt und ihre Zuversicht gerechtfertigt zu sein. Denn ungefähr nach Verlauf von sechs Wochen schon wurde sie zu dem Manne berufen, und als sie zitternd vor Bangigkeit vor ihm erschien, erhielt sie die Nachricht, daß der Fürst glücklich aus dem Kriege heimgekehrt, zum General aufgestiegen und bei dem Kaiser, seinem Herrn, wohl