Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1871)
- Date
- 1871-05-30
- Page
- Seite 445 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Feuilleton-Beilage M Ar. 33. Leipzig, den 30. Mai 1871. Das Judendorf in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. (Fortsetzung.) 6. Welche traurigen Tage verlebte Rächele in der Ferne von ihrem Manne und ihren Kindern! Ihrer tatkräftigen Natur, nach nahm sie sich alsbald der Arbeiten und der Geschäfte ihrer Freunde an; aber dies verhinderte sie nicht, in Sorge und Kummer um die Ihrigen sich abzuhärmen, und auf ihrem sonst so ruhigen und heiteren Angesicht prägten sich die Unruhe und der Schmerz ab, von welchem die rosigen Farben geschwunden, die ihm sonst so viel Anmuih und Reiz verliehen. Auf Nachrichten vom Hause mußte sie verzichten, theils weil man durch eine Verbindung mit dem Orte ihres Aufenthaltes diesen zu verrathen fürchtete, theils weil es damals in jenen Gegenden an Mitteln der Verbindung noch fehlte. Doch sollte diese Ungewißheit nicht lange währen. Eines Tages sah sie ihren Bruder mit ihren Kindern unerwartet anlangen. Und in welchem Zustande! Ermüdet, verhungert, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern lagen die Kinder in den Armen der Mutter, die aus der Abwesenheit ihres Mannes das traurige Schicksal desselben ahnte. Kaum der Kinder achtend, schrie sie: „Wo ist mein Mann? Lebt er noch?" Sie erfuhr was geschehen. Ihr Jammer war unbegrenzt. Sie raufte sich das Haar aus, zerriß ihre Kleider, wies allen Zuspruch, alle Tröstung von sich und klagte sich an, die Ursache des Unglücks ihres braven Koref und ihrer ganzen Familie gewesen zu fein. Man ließ ihren Schmerz austoben; dann berichtete ihr Bruder ihr die Vorfälle in allen Einzelheiten, und dies genügte, Rächele wieder zu sich selbst zu bringen, denn es galt einen Entschluß zu fassen und alsbald an die Ausführung desselben zu gehen. Hiermit war die kräftige Seele dieses Weibes aus der Abspannung des Schmerzes wie aus dem Kampfe der Verzweiflung herausgerüttelt, und mit Umsicht und Entschlossenheit erwog sie die Verhältnisse und was ihr zu thun obliege. Rächele suchte zunächst ein angemessenes Unterkommen für ihre Kinder. Sie fand es für sie bei dem sehr ehrenwerthen Melammed des Ortes, der das Unglück gehabt, seine eigenen Kindern durch eine epidemische Krankheit zu verlieren und nun sammt seiner Frau hoch erfreut war, die älterliche Fürsorge an diesen vorläufig verwaisten Kindern wieder ausüben zu können. Koref hatte seine Frau nicht ohne Geldmittel vom Hause entlassen, ja seine liebevolle Fürsorge hatte sie, soweit er es im Augenblicke vermocht hatte, reichlich damit versehen. Sie zahlte daher ein gutes Kostgeld auf eine längere Zeit im Voraus und trat am folgenden Tage mit ihrem Bruder die Reise nach Polozk an. Dort angelangt, hatte sie zunächst die schmerzlichste Enttäuschung zu erfahren, ihren Gatten nicht sehen zu können. Es hieß, die Untersuchung sei noch nicht beendet und deshalb dürfe noch Niemand den Gefangenen sprechen. Das Einzige, was sie zu thun vermochte, war, den Gefängnißwärter zu bestechen, um ihrem Manne die Erlaubniß zu verschaffen, seine eigene Kost zu erhalten, da er bis dahin fast nur von Brod und Wasser gelebt, alles verschmähend, was nach jüdischer Satzung nicht erlaubt war. Sie hatte bei allen ihren Glaubensgenossen in Polozk die größte Theilnahme gefunden. Denn wenn auch bei den Juden, so lange sie im Glücke sind, dieseloeu häßlichen Leidenschaften thätig sind, wie bei allen Menschenkindern, Neid und Schmähsucht, Hader und Gehässigkeit: nach dem Eintritt eines Mißgeschicks, noch dazu eines unverdienten, sind all deren Spuren mit einem Male verschwunden, und sie sind allesammt, und wären auch viele früher feindlich gesinnt, gewesen, von Einem Mitgefühl und dem Verlangen zu helfen und der Hingebung und Aufopferung zu diesem Zwecke beseelt. Man unterstützte daher Rächele von allen Seiten mit Rath und That. Nun achteten zwar weder Russen noch Polen die Juden und sahen sie vielmehr mit Widerwillen und Hohn an, jedem Einzelnen so viel Böses zufügend, wie sie konnten. Aber \a ihre: Gesammtheit hatte man doch einen gewissen Respect vor ihnen, eine Art Furcht. Man wußte nämlich oder glaubte doch zu wissen, daß die Juden aller Orten unter einander in einer gewissen Verbindung ständen, sich gegenseitig die Hand zur Aushülfe reichten und durch