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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-30 · Heft 22 (30.5.1871) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 22 (30.5.1871)
Date
1871-05-30
Page
Seite 439 (sequence 11)
Language
German
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439 des Rebbe *) mit einer Abgabe belegen, ist in chassidischen Augen das schrecklichste Attentat gegen göttliches und menschliches Recht. Wie verlautet, beabsichtigen in Folge dessen einige Rebbes, in Voraussicht der „schweren" Zeiten, die für die Chassidim in Polen anzubrechen scheinen, ihr Domicil nach Preußen oder Oesterreich zu verlegen! Man darf übrigens die Chassidim nicht etwa mit den Hildesheimers, Lehmanns unb Gonforten, deren Existenz Sie sich in Deutschland zu erfreuen haben, ans eine und dieselbe Stufe stellen! Der Himmel bewahre! Denn diese Letzteren, dummdreist und vorlaut, mit dem Wahne behaftet, als wären sie die erklärten Lieblinge Gottes, als wären sie mit den innersten Gedanken und geheimsten Absichten des Höchsten vertraut, die in ihrer Stupidität, — deren sie sickgar nicht einmal bewußt werden! — jede noch so gleichgültige, ja schädliche rabbinifche Ansicht und Vorschrift als heiligstes Orakel, als unumstößliche Willensäußerung Gottes ansehen und ausgeben, — diese sind es ja, welche das Judenthum an seiner empfindlichsten Seite, an der geistigen, aufs Schwerste compromittiren, indem sie in der außerjüdischen Welt den irrigen Glauben erwecken, als sei das Juden - thum, diese Religion der reinsten Gottesidec, der heiligsten Moral, der geläutertsten Menschenliebe, nichts weiter als ein dickes Bündel von Gesetzesparagraphen, die mit diesen Dingen zumeist nicht in: Entferntesten etwas zu thnn haben, vielinehr den Israeliten nur als willenlosen Sklaven betrachten und behandeln, der nur Ordre zu pariren und im Uebrigen — das Maul zu halten hat. Was hingegen die Chassidim anbetrifft, so haben wir sie nur als eine große, compaete Masse anzusehn, die unter dem nachtheiligen Einflüsse der Landes- und Zeitverhältnisse eines vergangenen Jahrhunderts, ohne jedes Bildungsmittel in der Hand, den höheren, geistigen Bedürfnissen des Lebens entrückt ist und sich daher daran gewöhnt hat, der Auctorität ihres Rebbe folgend, jene als nicht vorhanden anznsehen. Aber ein Hauch von Freiheit, *) Man vergesse nicht, daß die Rebbes weit weniger Religionslchrer sind, — denn als solche hätten sie, wie alle anderen Geistlichen, ein wohlbegründetes Recht auf Befreiung von jeder Abgabe, — sondern weit mehr Wnnderthater u. s. w., ja sogar risicofreie The'llnehmer der geschäftlichen nnd industriellen Unternehmungen ihrer Anhänger. Corresp. diejeitige Entwickelung der gesellschaftlichen und staatlichen Zustände, welche jeden Einzelnen zu reger, geistiger Thätigkeit, zur Theilnahme an allen Arbeiten des öffentlichen Lebens heranruft, würde aus den Chassidim, dies ist unsere tiefe, innerste Uebcrzeugung, im Laufe von wenigen Decennien Menschen heranbilden , welche dem Judenthum in ' jeder Hinsicht zur Zierde und zum Stolze gereichten. Ich werde zu vorstehenden Hinweisen, zu Ehren unserer polnischen Chassidim, die ich wahrhaftig Ihren „Frommen" bei Weitern vorziehe, durch die Bekannt' schaft veranlaßt, die ich mit einem in Berlin erscheinenden und merkwürdiger Weise sich auch hierher verirrenden Winkel- und Schmutzblättchen „die jüdische Presse" in jürrgster Zeit zufällig gemacht. Ich gestehe, daß ich cs früher für unmöglich gehalten, daß in der „Metropole der Intelligenz", in der sich freilich gar mancherlei Elemente auch jüdischen Kalibers zusammenfinden, ein solches, geist- und schamloses Blatt erscheinen könne, in welchem junge unbekannte Streber. vorlaute Raseweise den traurigen Muth haben dürfen, über hochgefeierte Und hochverdiente Lehrer des JudenthumS in unfläthigster Weise zu Gericht zu sitzen. Doch scheint mir gerade dies ein sicheres Symptom zu sein, daß bei Ihnen in Deutschland die Macht des wahrhaften Judenthums, des von seinen entstellenden Anhängseln und schädlichen Auswüchsen befreiten Judenthums immer größere Fortschritte machen müsse. Denn nicht wahr? ein talmudischer Satz lautet ja wohl: auo’« Nrrown mspya, wenn die tieferen, herrlichen Ideen des Judenthums ihre schönsten Triumphe zu feiern beginnen, wird die Unverschämtheit einer gewissen Clique mit so größer. Werden auch uns einst, wenn das Gros der jüdischen Bevölkerung auf der Höhe der Bildung nnd Jutelligeuz wei bei Ihnen in Deutschland stehen wird, solche Zizzishelden erwachsen? Der Himmel behüte uns vor solch' schweren Heimsuchungen! —. Das vor Jahren auf Antragdcr jüdischen Fleis ch taxpächter in Warfchau erlassene Gesetz, welches denjenigen Israeliten, die nachweisbar keine koschere Küche führten, wegen des hierdurch für jene sich ergebenden Ausfalls an Einnahmen eine besondere Fleischabgabe auferlegte, ist vor Kurzem mittelst Rescripts des Ministers des Innern an den Statthalter Grasen Berg aufgehoben worden. Damit ist denn endlich 22*

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