Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1871)
- Date
- 1871-05-30
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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432 wehr durch die Ausdehnung und Erleichterung des Geldverkehrs gerade zur Belebung und Erleichterung der Industrie, zum Aufschwünge und zur Ermöglichung derselben wesentlich beiträgt, also auf diese Weise der Arbeit mittelbar zu großem Nutzen gereicht und es mit der Zeit auch der Arbeit leichter machen wird das benöthigte Capital selbst zu erlangen. Ferner ist nichts gewisser, als daß zusammengenommen der persönliche Capitalbesitz der Financiers und Vanquiers bei Weitem nicht so groß ist, wie dem, der die Sache nicht kennt, scheinen mag, daß sie vielmehr ihre großen Operationen nur durch die Capitalien des Publicums zu Stande bringen. Sehen wir uns nun also in der That um, so ist es eine ebenso unwahre, wie lächerliche Behauptung, daß das Capital hauptsächlich im Besitze der Juden sei. Sehen wir uns um, in wessen Händen der größte Reichthum jedes Landes, der Grundbesitz ist, in welchen Händen die Ueberzahl der industriellen Etablissements, der Bergwerke, Fabriken, Handwerkerstätten und dgl. ist, ja, in welchen Händen die Menge der im Publicum vorhandenen Staatßpapiere sich befindet: so fällt von allem diesem nur ein sehr geriner Bruchtheil auf die Juden, die eben nur als zahlreiche Träger des Zwischenhandels und durch ihre Coulanz den Schein großen Besitzes haben, nicht den Besitz selbst. Es ist also abermals nur eine jener tendenziösen Fabeln, welche seit dem frühen Mittelalter von Geistlichen und Herren über die Juden ausgebreitet wurden, und in die sie sich, Anfangs mit Bewußtsein, so hineinreden, daß sie sie trotz deren Lügenhaftigkeit zuletzt selbst glauben. Was berechtigt nun aber die Feudalen und Ultramontanen die Arbeiter in solcher Weise zu haranguiren und besonders „von der Ausbeutung der Arbeit durch das Capital" zu sprechen? Nichts; vielmehr scheinen uns gerade diese die letzten zu sein, die solches zu thun befähigt wären. Wer hat das freie Bolk im Mittelalter zu Leibeigenen gemacht und in der Leibeigenschaft erhalten, wenn nicht die feudalen und geistlichen Herren? Wer hat das Volk trotz des Widerstrebens der feudalen und geistlichen Herren von den Fesseln der Leibeigenschaft befreit, wenn nicht der Liberalismus der Bürgerschaft? Wer hat demnach durch viele Jahrhunderte hindurch die Arbeit des Volkes ausgebeutct, als diese, welche jetzt das Capital dieses selbstsüchtigen Strebend bezüchtigen? Wer hat den Grundbesitz in seinen Händen zusammengehäuft und dem Volke keinen Autheil daran gewährt? Wer hat z. B. in Frankreich 178!» zwei Drittel des gesammten BodenS und zwar steuerfrei im Besitz gehabt, wenn nicht die Adeligen und Geistlichkeit, so daß das Volk mit seinem Drittel des Bodenbesitzes alle Lasten des Staates zu tragen hatte? Man gehe auf das Land, z. B. in der Rheinprovinz, und sehe, wodurch das gesammte Landvolk wirklich emancipirt und dem Proletariate entzogen worden ist, durch nichts als durch die seit 1794 gesetzliche Theilbarkeit des Grund und'Bodens und die Parcellirung desselben, welche jeden Einzelnen befähigt, ein kleines Grundeigenthum zu erwerben und als Frucht seiner Arbeit zu vergrößern. Man gehe dann z. B. nach Mecklenburg und sehe die Wirkungen der großen Rittergüter mit ihren Feudalrechten, welche jetzt erst durch die Gesetze des norddeutschen Bundes in ihren äußersten Consequenzen gebrochen worden. Und welchen Schaden hat von jeher dem Volke die Aufhäufung des Grundbesitzes in der sg. todten Hand gebracht! Und nach diesen ihren früheren Vorrechten , nach dieser Beschränkung und Unterwürsigkeit des Volkes ist unverhohlen das Streben der Feudalen und Ultramontanen gerichtet, und weil ihnen hierin der Liberalismus und der große Aufschwung des modernen bürgerlichen Wesens ein Halt! zurusen und sich ihnen mit glücklichem Erfolge widersetzen, hassen sie beide, und wagen es, mit frecher Stirn von der Ausbeutung der Arbeit zu sprechen, eine Ausbeutung, auf welche ihre ganze Herrlichkeit aufgebaut war und die wieder zu erlangen all ihr Trachten ausmacht! Man sieht, wie diese Herren auf die Unwissenheit des Volkes speculiren und den Ziest ihres Ansehens verwenden wollen, um es noch einmal zu bethören. Es wird ihnen nicht glücken, denn unsre Zeit läßt eine Speculation auf die Unwissenheit auf die Dauer nicht zu, ja, sie spielen sogar ein gefährliches Spiel, denn die Erfahrung sollte ihnen lehren , daß die entfesselten Leidenschaften des Volkes sich alsbald gegen sie und den Rest ihres Besitzes wenden. Sie brauchen nur jetzt nach Paris zu blicken. Nein! Weder ihre Vergangenheit, noch der Charakter und das Ziel ihrer Bestrebungen berechtigen die Feudalen und Ultramontanen, in die sociale Frage einzutreien, ihre Mithülfe an deren Lösung zu versprechen und sich die Anschuldigungen anderer Classen zu erlauben, während sie, als ihre Machtfülle noch bestand, die Arbeit des Volkes in einer unerhörten Weise ausbeuteten und selbst die Personen ihrer Willkühr unterwarfen. Wir Juden aber wollen die Stellung, in welche wir seit einem Jahrhundert eingetreten, abermals als eine