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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-30 · Heft 22 (30.5.1871) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 22 (30.5.1871)
Date
1871-05-30
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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431 den, können und werden allein in dieser großen sg. socialen Frage die befriedigende Lösung bringen. Was wäre also das dringendste Bedürfnis; unserer Zeit nach dieser Seite hin? Nichts anderes, als mit aller Anstrengung nicht bloß die Bildung im Allgemeinen, sondern ganz besonders diese richtigen Ansichten, welche' auf der Geschichte der Wirklichkeit und der Sittlichkeit beruhen, in der Masse der Arbeiter zu verbreiten, ihnen zugänglich zu machen und zum Bewußtsein zu bringen. Was sehen wir statt dessen? Man regt auf alle mögliche Weise die Arbeitermassen leidenschaftlich auf, macht ihnen von ihrer Lage die übertriebensten Schilderungen und von ihren Rechten und gerechtfertigten Ansprüchen die extremste Vorstellung, und facht sie mit unsinnigen Theorien zu Gewaltthätigkeiten an. Wie viele nachtheilige Wirkungen, welche zuletzt für die Arbeiter selbst zum größten Schaden außfallcn, hierdurch bereits hervorgebracht worden, brauchen wir nicht zu sagen. Mit den Schlagwörtern „die Ausbeutung der Arbeit durch das Capital", „die Arbeit ist allein die Mutter der Production", und sogar „durch die Arbeiter muß die bürgerliche Gesellschaft neu geregelt, geleitet und beherrscht werden" hat man den ganzen Boden der europäischen industriellen Welt, ja der ganzen europäischen gesellschaftlichen Welt unterwühlt, was freilich am meisten in den Ländern gelungen ist, wo der Staat in Unordnung und Schwäche, das Volk in Sittenlosigkeit und Entartung verfallen sind. Und nun die neue Erscheinung, von der wir sprechen wollten. Mit dem ersten der angeführten Schlagwörter — vor den übrigen hüten sie sich wohl — also mit dein Ausrufe: „Ausbeutung der Arbeit durch das Capital" wenren sich seit einiger Zeit an die Arbeiter, um diese zu ihren willigen Werkzeugen zu machen — die Neactionären und Ultramontanen! Es sind bereits viele Flugblätter und Broschüren erschienen, in welchen die Führer dieser beiden großen, sich nahe stehenden Parteien jene für die Arbeiter so bestechende Vorstellung benutzten, um sie als einen vierten Stand gegen die Bürger und das bürgerliche Wesen aufzuwiegeln, Verheißungen daran knüpften, welche die Arbeitermasse zu ihnen herüberziehen und zu ihrem willigen Werkzeuge machen sollten. Man sagte ihnen, daß der Liberalismus schuld an den socialen Verwirrungen sei, daß er ihnen, den Arbeitern, falsche Vorspiegelungen, Versprechungen der Freiheit und der Besserung ihrer Lage gemacht und seine Siege doch nur zur Herrschaft und Vertheidigung des Capitals, d. i. der Bürger und besonders der Juden, verwendet habe. Diese letzteren besonders hätten daS Capital in ihren Händen aufgehäuft und feien so zu Herren der Gesellschaft und zu den eigentlichen Ausbeutern der Arbeit geworden. Gegen die Juden, gegen die Bourgeoisie überhaupt und gegen den ganzen Liberalismus müsse sich daher die Masse der Arbeiter in jeder Weise erheben. Es ist bekannt, daß nicht wenige Führer der Feudalen in solcher Art mit Führern der socialistischen Parteien in Verbindung getreten und diese zum Theil in ihren Sold genommen. In vielen Katholikenversammlungen wurden von den Rednern die obigen Ansichten unumwunden und drastisch vorgetragen und von den .Kanzeln der Fastenprediger vernahm man nicht selten dergleichen Jnvectiven. Selbstverständlich sprachen die letzteren nicht von den „Bürgern", von der Bourgeosie, sondern allein von den Juden. Die Ultramontanen haben nun einmal diese zu ihren Sündenböcken ausersehen und gebrauchen diesen Namen für den gesammten Liberalismus. Hierüber nun einige Bemerkungen. Brauchen wir es erst zu sagen, daß, waS alle diese Gesellen „Ausbeutung der Arbeit durch das Capital" nennen, doch nur unmittelbar durch die Fabrikherren und Handwerksmeister geschieht, und daß unter diesen verhältnißmäßig eine sehr geringe Anzahl Juden sich befindet. Wenn sich die Arbeiter gegen ihre Arbeitsgeber wenden, so werden sie dabei nur auf verhältnißmäßig wenige Juden stoßen. Es gilt also den Feudalen und Ultramontanen nur, theils das Volk speciell gegegen die Juden aufzuwühlen, theils den Stand der Arbeitgeber ihm verächtlich zu machen, weil eben daS Volk mit dem Namen Jude noch immer eine Mißachtung verbindet. Es ist andrerseits wahr, daß eine verhältnißmäßige Mehrheit unter den großen Financiers und den Banquiers dem jüdischen Stamme angehört, und daß diese die Capitalien in großen Massen in ihren Händen haben. Es ist nun nicht unsere Sache, über diese Zustände eine Beurthcilung auszusprechen; sie sind an sich zu großartig und doch wiederum nur ein Product der Gegenwart, so daß ein objcclives Verständniß und Urtheil noch ganz unmöglich ist. Daß wir grundsätzlich der Aufhäufung von Reichthttmern nicht zugeneigt sind, ist Jedem bewußt, der uns als eifrigen Anhänger des Mosaismus kennt. So viel aber kann man vorurtheilslos doch sagen, daß diese große sinancielle Entwickelung mit dem Arbeiterstande gar nichts zu thun hat, daß sie viel- 22*

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