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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-30 · Heft 22 (30.5.1871) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 22 (30.5.1871)
Date
1871-05-30
Page
Seite 430 (sequence 2)
Language
German
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430 Hieraus ergiebt sich nun die Schwierigkeit, aus der Verwerthung des Produetes jedem dieser drei Factoren den ihm zukommenden Antheil des Ertrages zuzuwenden. Eine gerechte Vertheilung wäre zu wünschen, zu erstreben, zu erwirken, wenn nicht die Beurtheilung über das Jedem zukömmliche Maaß so überaus schwierig, oft unmöglich wäre. Denn erstens käme es darauf an, wie groß der Antheil jedes dieser drei Factoren an der Producirung selbst ist, wie viel Geist, wie viel Capital und wie viel Arbeit erforderlich, wie schwer jeder dieser drei zu beschasscn, womit ferner, mit dem Geiste oder mit dem Capitale, die mercantilische Geschicklichkeit und Thätigkeit verbunden, und endlich wie groß das 9i'ifico war, welches das Capital lief, während der Geist und die Arbeit bereits einen gewissen Lohn empfangen haben.' Man sieht hieraus, daß sich bestimmte Formeln für diese schwierige Ertrags- oder LohnveUheilung nicht aufstcllen lasten, weil schon an sich die Thäligkeit der drei Factoren bei jeder Production eine verschiedene und das Risico ein verschiedenes ist. Wie die Dinge in unserer Zeit liegen, haben sie sich nach und nach aus der Wirklichkeit herausgebildet. Es ist nun nicht zu verkennen, daß das Maaß des Ertrages in den gegenwärtigen Zuständen in vielen Fällen kein gerechtes ist, und je mehr dies zum Bewußtsein kommt, desto mehr Unzufriedenheit wird in den Menschen hervor-ebracht. Und diese Unzufriedenheit steigert sich leicht durch sich selbst, und noch leichter durch solche Männer, welche die Masse aufzuregen und in den daraus sich entspinnenden Kämpfen für sich selbst Vortheile zu erwerben trachten, bis zur wildesten Leidenschaft, zu ungerechtesten Forderungen und zu verkehrten Ansichten und Theorien. Wenn seit Jahrzehnden die Arbeit sich als die alleinige Mutter der Production hinstellt, so vergißt sie, daß sie ohne Geist und ohne Capital völlig unfruchtbar und brach liegen würde, und fordert sie also den ganzen Ertrag für sich allein, so ist dies völlig ungerechtfertigt und thäricht. Fordert sie daun, daß die Gesellschaft ihr das benöthigte Capital zu aller Zeit bereit halte, so vergißt sie, daß hierzu die Gesellschaft alles vorhandene Besitzthum requirircn müßte, daß dann der Arbeit selbst der Ertrag ebenfalls wieder entzogen werden müßte, daß die Gesellschaft endlich hierbei nicht ohne die Bürgschaft für das Risico, d. i. den Verlust, bleiben könnte und sich so die Arbeit selbst als Pfand hergeben müßte, also in nicht wenigen Fällen ohne allen Lohn bliebe, und endlich daß diese ganze Rechnung ohne den Geist, den productiven wie den mercantilischen, gemacht ist, welchen die Gesellschaft nicht wie ein Capital zu Diensten der Arbeit verschaffen könnte. Andrerseits kann nicht geleugnet werden, daß die Arbeit , und besonders die mit mehr oder weniger Geist verbundene einen zu geringfügigen Theil des Ertrages in vielen Fällen erhält. Die Ursachen lasten sich leicht aussinden. Der Geist war es, der die Arten der Arbeit er- und aussand, das Capital, welches die Ausführung ermöglichte und die mercantilische Thätigkeit übernahm, die Arbeit gab sich nur für das hin, was jene vorbereitet und ermöglicht hatten. Ferner: Geist und Capital waren in geringer, Arbeit in großer Concurrenz vorhanden. So machte es sich von selbst, daß die Arbeit einen sehr geringen Lohnantheil davontrug. Dieser ließ den- Arbeiter in Armuth und Entbehrung, schützte ihn bei Krankheit und Invalidität nicht vor unsäglichem Elend, und seine Hinterlastencn nicht vor den bittersten Nöthen. Es kam hinzu, daß es gewistenlose Arbeitgeber gab, welche sich dieser Zustände zu noch drückenderen Operationen bedienten. So konnte es nicht bleiben, und es ist bereits bedeutend bester geworden. Das Trucksystem wurde gesetzlich verhindert, die Arbeitslöhne erhöhten sich nach und nach in sehr bedeutendem Procentsatze, den Arbeitern wurde die Coalition gesetzlich frei gegeben, und sie benutzten dies allzu häufig, um sich höheren Arbeitslohn und geringere Arbeitszeit zu verschaffen, Kranken- und Jnvalidencasten wurden überall gegründet, und soeben hat der deutsche Reichstag ein sg. Hastgesetz votirt, nach welchein der Arbeitgeber bei in seiner Arbeit vorgekommenen Verstümmelungen und Todesfällen für die finanzielle Benachtheiligung eintreten muß. Es versteht sich, daß hiermit noch lange nicht das Ziel erreicht ist. Aber es hat sich doch für jeden Borurtheilslosen erwiesen, daß die bürgerliche Gesellschaft aus dem Wege der Entwickelung, auch auf diesem wichtigen Gebiete sich befindet, und in dieser Entwickelung große Fortschritte zur Besserung und Ausgleichung macht. Als ein wirkungsreiches Mittel haben wir in jener Abhandlung, mit vielen Anderen, die allmälige Einführung von Tantiemen an dem Reinertrag des industriellen Etablistements empfohlen. Theorien und Gewalttätigkeiten helfen hier gar nichts, sondern beschädigen Alles. Nur die fortgesetzte Entwickelung und die unter den Arbeitern sich immer mehr ausbreitende Bildung, um die Arbeit mit dem Geiste immer mehr zu verbin-

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