Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1871)
- Date
- 1871-05-23
- Page
- Seite 427 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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427 sondern sprang auf, um mit den zärtlichsten Ausdrücken Rächele in seine Arme zu schließen. Diese mußte hierauf vorbereitet sein, denn bevor er noch einige Schritte gethan, war sie aus dem Zimmer entwichen und verriegelte die Thüre von außen. Der Russe war wüthend, zerschlug die Fenster und die Meubles und verließ fluchend und mit gräßlichen Drohungen das Haus, Koref und Rächele waren in Verzweiflung. Sie fürchteten von dem wüthenden Obersten das Schlimmste. Zwar lief einige Stunden später von diesem ein Brief ein, in welchem er Alles, was geschehen, auf seine Trunkenheit schob, für welche er den allzustarken Wisky Koreas verantwortlich machte, und sich nachdrücklich entschuldigte. Aber sie wußten wohl, daß die Sache sich doch anders verhielt, und obschon sie in dem Briefe ein für sie unter Umständen nützliches Doeument erblickten, welches Petrikow etwas unvorsichtig ihnen überliefert habe, so mußten sie sich doch sagen, daß sie wenige oder gar keine Mittel besäßen, um einer etwaigen Gewaltthat des Bezirksobersten entgehen zu können. Dies Mal war es Koref, welcher das entscheidende Wort sprach: „Rächele, mein Leben/' rief er nach einem längeren Stillschweigen aus, „ich muß mich von Dir trennen, Du mußt fort von hier, und zwar sobald die dunkle Nacht herabgesunken! Gegen Dich wird der Bösewicht seinen ersten Schlag ausführen, Dich wird er in seine Gewalt zu bekommen suchen, und was wäre ich, wären die Kinder, wäre unser ganzes Haus, wenn ihm dies gelänge! Ich könnte nichts weiter, als mir das Leben nehmen. Und darum mußt Du fort .. Rächele konnte nur wenig darüber zur Erwägung bringen, ob die Gefahr für sie wirklich so groß sei. Nach Allem, was vorangegangen, nach Allein, was man vom Lebenswandel dieses Mannes, von seiner Sittenlosigkeit und Bösartigkeit seines Charakters wußte, konnte es nicht bezweifelt werden, daß ihr das höchste Unheil drohe. Aber sie wollte nicht allein sich entfernen, Koref und die Kinder sollten mit ihr gehen; Alles möge zu Grunde gehen, wenn sie nur mit ihrem Manne und ihren Kindern zusammenbliebe. Koref wies dies entschieden zurück. Würde auch er aus der Gegend verschwinden, so würde ihre ganze Habe mit Beschlag belegt werden, und sie sielen allesammt dem äußersten Elend anheim. Er würde auch seinen Feinden dadurch völlig freien Spielraum gewähren, ihm jedes mögliche Verbrechen anzudichten , seind Verurtheilung bliebe nicht aus und er würde nirgends sicher sein. Endlich könnte der ganzen Familie Entfernung nicht so geschehen, daß sie nicht die Spuren, wohin sie sich gewandt, hinter sich ließen, und so in kurzer Zeit erreicht werden könnten. Diese Gründe fielen so schwer ins Gewicht, daß sich auch Rächele ihnen nicht entziehen konnte. Sie mußte nachgeben, und mit blutendem Herzen von ihrem Manne und ihren Kindern Abschied nehmen. Noch an selbigem Abend brachte ihr Bruder sie auf wenig gekannten Schleichwegen durch die Wälder über die Grenzen des Bezirks, freilich in der tödtlichsten Angst bei jedem Rauschen der Blätter, bei jedem Rasseln der Föhrennadeln, bei jedem Knistern eines zerbrechenden Reises die Häscher des Gewalthabers hervordringen und sie fangen zu sehen. Als sie jedoch die Grenzen des nächsten Bezirks überschritten hatten, beruhigten sie sich und wanderten dann nach mehrmaliger kurzer Rast, die breiten Heerwege vermeidend, tief in das Land zu einer befreundeten Familie, von der man in ihrer Heimath nichts wiffen konnte. Iokul, der Urheber des ganzen Anschlages gegen das Glück und den Wohlstand unseres Koref's, kam schon am anderen Tage dahinter, daß Rächele ans dem Dorfe verschwunden sei. Vergebens aber suchte er zu erforschen, wohin sie geflohen. Er war gezwungen, die Flucht Rächele's dem Obersten anzuzeigen, ohne ihm den Weg angeben zu können, den sie eingeschlagen. Petrikow wüthete, beschuldigte Iokul des Verraths und schwor ihm zu, ihn mit eigener Hand zu erschießen, wenn er ihm nicht binnen drei Mal vierundzwanzig Stunden die Nachricht brächte, wo Rächele sich aufhalte. Dies war aber Etwas,, das er nicht zu bewerkstelligen vermochte, so sehr er auch in näheren und weiteren Kreisen Koref's Haus umspürte. Er fand nicht das geringste Anzeichen ihres Weges. 2a, in seiner Erregung entging ihm sogar der Umstand, daß Nächele's Bruder, dem man übrigens im Torfe wie einem Knechte Koref's keine Aufmerksamkeit schenkte, nach mehrtägiger Abwesenheit nächtlicher Weile wieder zurückgekehrt war. Rächele wollte wenigstens dieses treue Herz an der Seite ihres bedrohten Mannes und ihrer Kinder wißen. Iokul erschien die drei Tage nicht vor dem Angesicht seines Gebieters und getraute sich auch die nächstfolgenden nicht, sich von ihm erblicken zu lassen, denn er war nicht gewiß, ob nicht der leidenschaftliche Russe seine Drohung an ihm ausführen werde. Wer hätte auch nach dein Tode eines polnischen Spions gefragt, der jeden Tag Veranlassung geben konnte, ihn von der Oberfläche der Erde verschwinden zu lassen? Aber Petrikow konnte feiner noch nicht entbehren. Er ließ ihn holen und trat mit ihm in eine geheime Verhandlung, deren Erfolg bald zu Koref's Mißgeschick ans Licht trat. In den nächsten Nächten schaffte Iokul, und zwar ganz allein, damit Niemand weiter in das Geheimniß eingeweiht werde, eine Menge von Maaren, die man jüngst Schmugglern abgenommen, in jene Höhle, oder vielmehr in den im Walde gelegenen Keller, in welchen Koref damals den verwundeten Ofsicier, sich selbst und die Seinigen vor den plündernden Franzosen gerettet und in welchem er gewohnt hatte, bis sein Haus wieder aufgerichtet war. Seit längerer Zeit war die Höhle leer, denn unter den bedrohlichen Verhältnissen wagte der vorsichtige Koref kein derartiges Geschäft, kaufte nur von inländischen Geschäftsleuten und was er unumgänglich von draußen bezog, verzollte er sorgfältig. Nunmehr füllte sich dieselbe schnell wieder mit allerhand Maaren.