Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1871)
- Date
- 1871-05-23
- Page
- Seite 426 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Freundschaft und der Achtung. An sich verdienten Koref und Nächele diese Lobsprüche allerdings, denn ob es auch noch schönere Weiber als Nächele und viel bedeutendere Geschäftshäuser als das Koref's in dem Bezirke geben mochte, so war doch überall ein Schmutz und eine Verwirrung gewöhnlich, daß man sich im Hause unseres Freundes wohlthätig berührt fühlen mußte. Dennoch sahen sich Koref und Nächele mit besorglichen Blicken an, als der hohe Gast mit seinem Gefolge davongeritten war. „Was hältst Du davon, Nächele?" fragte der Gatte. „Daß wir uns sehr in Acht nehmen muffen, antwortete die Frau, und ich möchte Dir rathen, Koref, in der nächsten Zeit weniger Geschäfte zu machen und die Vorräthe etwas abgehen zu lassen, um stets bereit zu sein, Nachweisung zu führen, und leine Gelegenheit zu Untersuchungen zu geben." „Du glaubst also auch, mein Herz, daß der russische Herr etwas im Schilde führt, und unter seinem freundlichen Gesicht böse Absichten verborgen liegen?" „Du hast ganz Recht, so meine auch ich. Er war zu katzenfreundlich, und seine lauernden Blicke sagten das Gegentheil von dem, waö seine Lippen sprachen. Was könnte denn den gebietenden Mann veranlaffen, mit gemeinen Juden so gut zu thun, da er sonst als ein harter, herrischer Mann bekannt ist?" „Nun, wir müssen es Gott anheimstellen, aber sehr vorsichtig sein, und ich will thun, was Du mir gerathen hast." Koref führte die Meinung seiner klugen Gattin aus, und selbst der schlechteste Wille hatte nichts herausbringen können, woran er den schlauen Geschäftsmann zu faffen vermöchte. Aber der Bezirksoberst erschien demungeachtet bald wieder und dann immer häufiger in seinem Hause. Seine Besuche wurden eine wahre Steuer für Koref, denn das Frühstück von gleicher Beschaffenheit mußte Ehren halber immer bereit sein, und der hohe Herr brachte stets einen außergewöhnlichen Appetit mit, und selbst die Kosaken, die vor dem Hause hielten, mußten bedacht werden, schon aus Dankbarkeit für das Glück eines solchen Besuches. Petrikow benahm sich aber auch immer zutraulicher, behandelte das Ehepaar fast wie Seinesgleichen, fragte Koref in allerhand, selbst persönlichen Angelegenheiten, um Rath, forderte dagegen niemals etwa ein Darlehn oder eine sonstige Gefälligkeit, und gab ihm dann und wann einen Wink, daß er, der Oberst, für seine Freunde gern Etwas thue, und ihnen gegenüber von jener Strenge nichts wiffe, die er sonst im Dienste seines Herrn für unbedingte Pflicht halte und übe. Diese Versicherungen waren jedoch nicht angethan, den vorsichtigen -Juden zu bethören oder in Sicherheit zu wiegen. Vielmehr erblickten er und Nächele darin eine Falle, durch welche der Oberst sie ganz in seine Gewalt zu bekommen beabsichtige. Sie vermieden deshalb um so mehr auch das Geringste, was von Seiten des russischen Beamten irgend welche Nachsicht auch nur ermöglichen konnte. Aber der Schlag, der sie treffen sollte, kam von einer ganz anderen Seite. Petrikow zeigte sich bald unserer Nächele gegenüber mehr als galant, und er verrieth unzweideutig, daß er ihr eine Freundschaft und eine Verehrung zugewendet, welche der Sittenstrenge und Ehrsamkeit jedes jüdischen Hauses, insbesondere Koref's und seiner Frau, durchaus nicht zusagte. In Folge deffen verschwand Nächele, sobald der Oberst dem Hause nahete, und da dieser nicht anstand, nach ihr zu fragen, wurde bald dieser, bald jener Vorwand für ihre Abwesenheit erfunden. Das erste und das zweite Mal machte Petrikow zum bösen Spiel eine gute Miene und ließ von seiner Freundlichkeit und seinen Scherzen nicht ab. Als aber Nächele auch fernerhin nicht zum Vorschein kam, sing er an verstimmt und unwillig sich zu zeigen, überhäufte Koref mit Vorwürfen und sagte ihm geradezu: er solle doch nicht glauben, daß er um seiner gelben Fratze willen oder um ein Glas Wisky hierherkomme und seinem Hause eine Ehre erweise, die das ganze Dorf neidisch auf ihn mache und ihm, Koref nämlich, die Unterwürfigkeit aller Nachbarn einbringe. Er komme, sich in diesem Haufe zu amüsiren und von seinen aufreibenden Mühen sich etwas zu zerstreuen, und dazu trüge nicht er, sondern Nächele das Meiste bei. Er werde in drei Tagen wiederkommen und hoffe dann bestimmt, daß Nächele nicht wieder zu Markte, zu Gevatter oder dergleichen fern sei. Damit und mit heftigen Drohungen verließ er das Haus, ohne die aufgetragenen Speisen und Getränke eines Blickes zu würdigen. Was sollten die armen Leute thun? So düster ihnen die Zukunft erschien, so sehr sie sich sagen mußten, daß die Dinge nicht gut auslaufen würden, so war doch noch nickts geschehen, was sie zu einem offenen Widerstande berechtigte oder sie entschuldigen konnte, wenn sie dem Willen des ziemlich unumschränkten Gebieters nicht genügen wollten. Nächele war also zu Hause, als Petrikow pünktlich aulangte, und trat mit lächelnder Miene in die große Stube, in welcher sich ihr Gast nicht weit vom Heerde niedergelaffen hatte. Der Oberst begrüßte sie mit einer Wärme und mit so leuchtenden Blicken, daß Rachele davor zurückfchrak. Aber es half nichts, sie mußte sich beherrschen und das Weitere abwarten so gut sie konnte. Jetzt griff nun auch der Rusie wieder nach Meffer und Gabel, aber noch mehr nach der Wiskyflasche, die er bis auf den Grund leerte, so daß er, trotz der Masse Spirituosa, die er vertragen konnte, Zeichen der Trunkenheit zu erkennen gab. Jetzt gab er Koref einen Auftrag, der ihn eine längere Zeit in der Niederlage beschäftigen mußte, und sofort erklärte er Nächele seine heiße Liebe zu ihr, die ihr die Schamröthe ins Gesicht trieb. Sie antwortete ihm kurz und bestimmt, und als er gar mit großen Versprechungen herausrückte, verschonte sie ihn keineswegs mit einer scharfen Entgegnung, welche ihm alle weitere Lust vertreiben sollte. Der betrunkene Russe wurde aber hierdurch nicht entnüchtert,