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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-23 · Heft 21 (23.5.1871) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 21 (23.5.1871)
Date
1871-05-23
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine FLmlletou-Seilage )\i Ilr. 81. Leipzig, den 23. Mai 1871. Das Jlldendorf in Sibirien.*) Erzählung eines Reisenden. (Fortsetzung.) Der Bezirksoberft Petrikow war ein sehr pflichteifriger Mann. Warum sollte er es auch nicht sein? Je strenger er auftrat, desto ruhiger blieb, wenigstens vorläufig, sein Bezirk; je mehr Strafen er ausführte, je mehr Schmuggler er ertappte, je mehr Berichte er nach Petersburg schicken konnte, desto mehr wuchs sein Ansehen daselbst, desto mehr füllte sich seine eigene Kaffe und floffen beträchtliche Ergebnisse in die Staatskasse. Einen solchen treuen und gestrengen Beamten irgend der Gewaltthätigkeit, oder nur der Härte zu zeihen und die Schleichwege zu denunciren, die er einzuschlagen nicht anstand, wäre ein so gefährliches Unternehmen gewesen, daß selbst der Verzweiflungsvolle dessen sich nicht erkühnte. Sein Verderben war dann erst recht gewiß. Der Mann wußte daher recht wohl, daß Alles widerstandlos in seine Hand gegeben sei, wenn er nur einen gewiffen äußeren Schein beobachte, dessen Verletzung irgend einem neidischen Collegen die Möglichkeit gäbe, ihm ein Bein zu stellen. In diesem seinem Pflichteifer sah man ihn zu allen Zeiten des Tages wie der Nacht bald diesen, bald jenen Strich seines Bezirkes bereiten, gefolgt von einigen Kosaken, und nicht selten von Iokul begleitet. Kein Wald war ihm zu dicht, in welchen er sich nicht versenkte, keine Gegend zu unwegsam, die er nicht durchforschte, und das muß man zum Ruhme seiner Herzhaftigkeit hinzufügen, keine Gefahr war ihm zu groß, keine Schmugglerschaar zu stark und zu gut bewaffnet, daß er sich nicht mitten in sie hineingestürzt, den Einen getödtet oder verwundet, den Anderen gefangen hätte, sicher, dann auch die Namen der Zersprengten und Fliehenden zu erfahren; und so groß wurde die Furcht vor ihm, daß schon bei seinem Herannahen die verwegensten Pascher ihre Pakete hinwarfen und sich aus dem Staube machten. Bei seinen Ritten kam er bald auch öfter in die Gegend dicht um Koref's Haus, wie um den Wald zu durchsuchen, an dessen Saume jenes stand. Eines TageS hielt er vor dem Hause an, stieg vom Pferde und trat hinein. Koref kam ihm in geziemender Unterwürfigkeit entgegen und bat ihn, unter seinem niedrigen Dache Platz zu nehmen. Petrikow hatte seine freundlichste Mine aufgesetzt; er sagte, er habe gehört, daß Koref einer der tüchtigsten Geschäftsmänner der Gegend sei, dabei rechtlich und wohlthötig, und was die Hauptsache sei, sich streng nach den Gesetzen richte und nichts gegen die Gebote des Staates thue. Er wünsche deshalb ihn und sein Haus kennen zu lernen. Koref verstand es, ihm zu antworten, dem großen Czaaren und seinem gewaltigen Bezirksobersten Weihrauch zu streuen, und, was ihm die Hauptsache schien, das Beste, was im Hause, aufzu- Lragen, um dem gestrengen Herrn ein erquickliches Frühstück zu bereiten, das nach langem und scharfem Morgenritte willkommen sein mußte. Der Oberst fand Alles trefflich, und besonders der Wisky war von einer Schärfe und so reichlich geboten, daß er ihm herrlich mundete. In seiner Herablassung wünschte er denn auch alle Bewohner des HauseS kennen zu lernen und Rächele, die Kinder, der Schwager und die Dienstboten mußten vor ihm erscheinen, um mit gnädigen Blicken in Augenschein genommen zu werden. Der Erfteren, von deren Schönheit der Sarmate im ersten Augenblicke betroffen schien, machte er einen Strom galanter Complimente, die sie kaum verstand und nur durch wenige bescheidene Worte abzulenken versuchte. Darauf ließ sich der Oberst das Haus und die Niederlagen zeigen, bewunderte Alles und verrieth durch einige Worte, daß sein geübtes Auge alle diese verschiedenen Waaren kenne und ihren Borrath sch: -bzuschätzen wisse. Koref drang in ihn, nun auch die Ursprungs- und Verzollungszettel seiner Waaren durchzusehen, und obschon Petrikow dies als gänzlich überflüssig ablehnen wollte, verstand es Koref, ihn so geschickt an seine Pflicht zu mahnen, daß er eS thun mußte und darauf mit vielen Worten die Ordnung belobte, in welcher Koref sein Geschäft betrieb. Kurz, er schied von dem Hause mit den wärmsten Ausdrücken der *) S. Nr. 8. 9. 10. 11. 12.

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