Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1871)
- Date
- 1871-05-23
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
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419 sprach. Bon nah und fern kamen Gratulationen, Telegramme u. s. w. Diese allgemeine Theilnähme spricht sicherlich mehr als irgend etwas Anderes für die Verdienste des Decorirten. Großbritannien. London, 10. Mai. Ein Telegramm meldet: Unterhaus. Ein Antrag Miall's, der anglieanischen Kirche ihren staatlichen Charakter zu nehmen, wurde mit 374 gegen 89 Stimmen verworfen. Disraeli sowie Gladstone widersetzten sich dem Anträge. Es ist dies höchst bezeichnend für England, das mit all seiner geschichtlich entwickelten Greisinnigkeit dennoch eine nicht zu überwindende Stabilität besitzt, welche es in vielen und zwar sehr wichtigen Momenten weit hinter vielen Contincntalstaaten zurückhält. Wie es erst vor Kurzem durch das in 2rland immer bedrohlicher werdende Fenierthum sich zwingen ließ, das ungeheuerliche Joch zu zerbrechen, welches die anglieanische Staatskirche der immensen Mehrheit der irländischen Bevölkerung als Katholiken auserlegte und das durch Jahrhunderte auf dem Nacken dieser armen Menschen lastete: so kann es sich auch nicht entschließen, den für-einen modernen Staat so widcrsprechenden Charakter einer Staatskirche zu beseitigen. Hierin reichen sich Whigs und Tories die Hände, und man sicht, welch eine Majorität des Unterhauses dafür eintritt. Glücklicherweise haben sich die Verhältnisse in England seit 30 Jahren so gestaltet, daß dieser staatskirchliche Charakter der anglieanischen Kirche den übrigen Rcligionsgenossenschaften keine großen Beschwerden und Entbehrungen mehr bereitet. Italien. Rom, 3. Mai. Sonntag fand im Ghetto ein früher dort nie gesehenes Leichen begängniß statt. Der Jude Moses Piperno, Geinciucr der Nationalgarde, starb im jugendlichen Alter: ein Piquet der Nationalgarde, aus Katholiken und Israeliten bestehend, folgte der Leiche zum Friedhof der Juden. Das erste Beispiel so großer Toleranz und bürgerlicher Gleichheit in der ewigen Stadt. Dänemark. Kopenhagen, 12. Mai. iPrrvünnitlh.- Am jüngst verflossenen Sonntag, den 7. Mai, feierte unser Oberrabbiner Herr Di-. A. A. Wolfs seinen 70-jährigen Geburtstag. Die Liebe und Anerkennung, die Herr Di-. Wolfs in seinem 43-jährigen Wirken sich zu verschaffen gewußt hat, fand an diesem Tage einen schönen Ausdruck. Es war ein Fest nicht nur für den Herrn Doctor und seine Familie, sondern für die ganze Gemeinde, denn Reiche und Arme, Alte und Junge von den verschiedensten Parteien und religiösen Richtungen — alle nahmen Antheil daran, denn wie Alle dem Di-. Wolfs zugethan sind, so genießt er auch das Vertrauen und die Liebe eines Jeden, der mit ihm in Berührung kömmt, weshalb Alle sich bemühten, ihm bei dieser Gelegenheit Beweise der Verehrung ab zulegen und diesen Tag als ein Genieindefest zu begehen. Schon am frühen Morgen wurde in der festlich geschmückten Wohnung des Jubilarseine Cantate von seinen Enkeln abgesungen, darauf begab er sich, von seinen Kindern und Enkeln begleitet, in die Synagoge, wo er am Eingänge vom Vorstande empfangen und durch das festlich erleuchtete, von einer zahlreichen Menge gefüllte Gotteshaus bis an seinen Platz geführt wurde, während das vom Chore abgesungene 1212 r.iz ihm entgegentönte. Im Laufe des Vormittags kamen zahlreiche Deputationen von nah und fern ihm ihre Glückwünsche abzulegen. Die Oiepräsentanten der Gemeinde und Vorsteher der Synagoge überreichten, ihm ein Legat von 0000 Rgöd., dänisch, durch freiwillige Beiträge eingesammelt, über dessen Zinsen er freie Disposition, und über dessen Anwendung nach seinem Tode er selbst zu bestimmen hat. Hierauf traten Deputationen der verschiedenen Vereine als 'nV-i ,'p'n ,n):n rmbn ,niNpn:o u. s. w. vor, sowie die Direction der Religionsschule, der Krankenpflegegesellschaft und endlich der Gesellschaft für jüdische Theologen, mit dem Commerzienrath Heymann an der Spitze, welche letztere ihm ein Esrogfutteral von purem Golde, in Form eines großen Esrog künstlich gearbeitet und auf einem goldenen Stative ruhend, überreichten. Alle diese Deputationen hielten Anreden, die vom Jubilare, der von seiner Familie und Vielen, die sich voraus mit Geschenken und Verehrungen eingefunden hatten, umgeben war, beantwortet wurden. Von den vielen Ehrengaben, die hier aufzuzählen die Grenzen einer Eorrespondenz überschreiten würde, heben wir nur eine Prachtbibel, mit den berühmten Illustrationen von Gustav Dor6, mit einer schönen Fe- 21 *