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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-23 · Heft 21 (23.5.1871) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 21 (23.5.1871)
Date
1871-05-23
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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412 Israel immer wieder überfluthenden Vielgötterei und dem Götzendienste; galt es den Kampf um die Lehre von der aus der Gotteserkenntniß ^fließenden Sittlichkeit und dem Rechte, gegenüber der Entartung, welche Fürsten, Priester und Volk ergriffen hatte. Da finden sich bei den Propheten nur einige wenige Gesetze, welche an drei, vier Stellen erwählt werden; alles andere enthält nur oie allgemeinste Lehre und die höchsten Grundsätze, die immer und immer wieder zum beredtesten Ausdruck kommen, und auf deren Nichtachtung der Sturz und die Wegsührung des Volkes alß Strafe und Läuterung verkündet wird. Einen thatsächlichern Beweis, daß das Judenthum ebensowohl, ja zuerst Lehre wie Gesetz ist, kann man nicht verlangen. Als die Lehre des Judenthums erst ganz sicher gestellt und unantastbar erschien, lenkte sich die geistige Thätigkeit der jüdischen Denker und Lehrer vorzugsweise auf Las Gesetz und dessen traditionelle Auslegung und Fortführung. Aber schon frühzeitig begannen die bedeutendsten Geister des jüdischen Mittelalters ihre Aufmerksamkeit, ihre Forschung und schriftstellerische Thätigkeit wieder der Lehre zuzuwenden, und es entstand jene glänzende Reihe jüdischer Religionsphilosophen, welcher selbst Mendelssohn die Elemente seiner Geistesbildung verdankte. Man lege also endlich diese kurzlebige Richtung zu den Acten; sie kann nur von denen wieder hervorgehott werden, welche dem Judenthum jeden sichern Lehrinhalt absprechen wollen, entweder um blos in überlieferten Gesetzesvorschristen zu existiren, oder um sich als Juden jeder in der Zeit aufkommenden philosophischen oder unphilosophischen Meinung frei. hingeben zu können. Es ist a priori absurd, zu sagen, daß eine Religion leine Lehre sei. Wir meinen aber auch nicht, daß darum, weil die h. Schrift und der Talmud keine normirten Dogmen oder Glaubensartikel ausstellen und aufzählen, darum beide nur einen gewiffen Lehrstoff enthalten, aus welchem ein Jeder ziehen und folgern könne, was er vermöge*), vielmehr giebt uns schon die h.Schrift und *1 Führen wir ein Beispiel an. Die Willensfreiheit des Menschen ist in der h. Schrift anerkannt und dient dem ganzen Gesetze zur Basis. Denn ein Gesetz, das mit Lohn- und Strasverheißung verbunden ist, setzt die Verantwortlichkeit und diese wieder die Willensfreiheit des Menschen voraus. Nirgends aber ist unseres Wissens diese Willensfreiheit als Lehrsatz ausgesprobesonders die Thora ganz bestimmte Lehrsätze, die als solche formulirt sind, und welche so sehr die integrirenden Elemente des Judenthums geworden, daß es nicht von ihnen und sie nicht von ihm getrennt werden können. Man gehe nur vorurtheilslos daran. Der erste Vers der Thora bringt uns einen solchen bestimmten, entscheidenden und unzweifelhaften Lehrsatz, auf welchem sich das ganze Judenthum aufbaut. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", d. i. die sichtbare Welt. Nicht blos das Dasein Gottes, sondern daß die Welt und alle Existenzen, aus denen sie besteht, eine Schöpfung Gottes, Gott der Schöpfer, die Welt das Geschaffene, beide verschieden, nicht identisch sind, wird hier als Lehrsatz in der einfachsten und bestimmtesten Form ausgesprochen. Hiermit trat das Judenthum der Vielgötterei und dem Pantheismus der alten beidnischen Welt und der jetzigen, soweit sie dergleichen noch enthält, entschieden gegenüber. Ferner: sehen wir die Darstellungsweise 2 Mos. 3, 13 ff., verglichen mit ", 3, so ist es unzweifelhaft, daß mit der Benennung 'in und deren Erklärung rr~N -rrx ri'ns ein großer Lehrsatz ausgesprochen werden sollte, mit der vollen Bedeutung, daß damit, dem Vn gegenüber eine höhere Stufe der GotteSerkenntniß erstiegen werde, nämlich daß Gott das ewige, unveränderliche Sein, die Quelle und Ursache aller werdenden und vergehenden Existenzen ist. Und hieran schließt sich das nnrr 'n rrnV» 'n izt welches die Einzigkeit und Einheit dieses ewigen unveränderlichen Seins Gottes als einen so bestimmt formulirten Lehrsatz verkündet, daß es als solcher von allen Generationen der Bekenner des Judenthums anerkannt und hochgehalten wurde. Das oft wiederholte 'r, ttnp "3 spricht die Heiligkeit, d. i. die Vollkommenheit Gottes lehrsatzlich aus. Als einen Lehrsatz bekundet die ganze h. Schrift ferner v::m jim r« *n 'n, indem es in der Thora wie bei den Propheten und Hagiographen wörtlich wiederholt wird. Kehren wir noch einmal zum Anfang zurück, so wird es nicht zweifelhaft sein, daß mit dem Ausspruche „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilve" ein Lehrsatz beabsichtigt worden, da dieser chen. Lesen wir nun 5 Mos. 30, 19: „Das Leben und den Tod legte ich Euch vor, den Segen und den Fluch, so wähle das Leben, auf daß du lebest u. s. w." so wird die einfachste Folgerung aus dieser dem Menschen frei gestellten Wahl die Lehre von der Willensfreiheit des Menschen ziehen. Wir haben also hier keinen Lehrsatz, wohl aber einen Lehrstoff, aus welchem in zweifelloser Logik der Lehrsatz gezogen werden kann.

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