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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-23 · Heft 21 (23.5.1871) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 21 (23.5.1871)
Date
1871-05-23
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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411 MM,/ - ■f|;!;■- I > normirten Dogmen die Herrschaft des Abendlandes gewonnen hatte, fühlte das Judenthum diese Nöthigung noch nicht, da diese christlichen Dogmen von selbst der jüdischen Lehre und dem jüdischen Bewußtsein zu bestimmt gegenüberstanden, als daß das Judenthum ähnliche Formeln aufzustellen das Bedürfniß gehabt hätte. Wir sehen daher erst dieses Bedürfniß auftreten, als der Islam seine Dogmen normirt und im Grunde das Fundament bewahrt hatte, auf welchem das Judenthum stand. Die Fundamentallehren des Islam sind den jüdischen nahe, und darum entstand auch für das Judenthum das Bedürfniß., seine Lehren weiterhin zu formuliren, um die trennenden Momente klarer hinzustellen. Wir weisen hier auf die mehrfach von uns angeführte Abhandlung Löw's hin. Die erste Aufzählung von Glaubensartikeln stammt aus dem islamitischen Afrika, nämlich von Chananel b. Chuschiel -gest. 1050), die zweite, ein Jahrhundert später, von Abraham b. David Ha-Levi in Toledo, die dritte endlich von Moses Maimonides UGS in Aegypten. Schon diese Geburtsstätte auch dieser dritten und bedeutendsten Normirung jüdischer Dogmen erweist, daß auch Maimonides vorzugsweise den Islam im Auge gehabt, wenn auch seine Normirung nicht minder auf den Gegensatz zum Christenth. hinzeigt. Wir brauchen hier nicht auszuführen, wie diese Ni'Glaubensartikel des Maimonides zum Gegenstand der Controverse geworden und schließlich auf drei redueirt wurden, wie sie andrerseits in der Synagoge im Schwange blieben, ohne jedoch mehr als ein Schulbedürfniß zu sein, niemals aber eine Geltung und einen Rang gewannen, wie die Dogmen in den christlichen Kirchen und bei den «sehr zahlreichen) Seelen des Islam. Sie wurden niemals als das wirkliche Fundament des Judenthums und als die unantastbaren Glaubensbedingungen angesehen und behandelt, wie eben schon daraus hervorgeht, daß sie zum Streitobjecl für Männer von großer orthodoxer Autorität dienten. Es ist also ein geschichtliches Factum, das auch in dem oben angedeuteten Verhältniß seine Erklärung findet, daß das Judenthum solche normirte und aufgezählte Dogmen, wie die anderen Religionen, deren Kirchen und Seelen, nicht hat, und gewiß dies zu seinem Glücke und zu seiner ungehinderten selbstständigen Entwickelung.*. *) Schon der Name, der für solche Artikel gewählt wurde, zeugt dafür, daß man nur im Sinne hatte, aus systematischem Wege die Grund lehren des Judenthums . Faßt man aber das Wort Dogmen im allgemeiner» Sinne als Lehre, Lehrmeinung, Lehrsatz: so wäre eS zunächst einseitig, alsdann absurd und zuletzt unwahr, dem Judenthume Dogmen abzusprechen. Man behauptete eine Zeit lang, das Judenthum sei gar keine Lehre, sondern nur ein Gesetz. Dieser Ausspruch entsprang dem Wunsche, dem Judenthume hinsichtlich seines Lehrinhalts eine freiere Bewegung fundamental zuzuschreiben, dann aber auch um das ganze religiöse Gewicht auf die Seite des Gesetzes zu legen. Nun ist es schon von vorn herein höchst oberflächlich, selbst das concreteste Gesetz ohne seinen Lehrinhalt, ohne die in ihm lebende Idee, die doch daß Gesetz erst hervorgebracht hat, aufzufafsen. Keine wirkliche Erscheinung hat ein Verständniß ohne den in ihr vorhandenen und. wirkenden Lehrinhalt. Was hieße z. B. das deutsche Reich ohne die deutschnationale Idee, die sich in ihm verwirklicht? Wie hätte Italien ein Recht auf Rom, wenn nicht aus dem Gedanken der italienischen Naiionaleinheit heraus? und nun ein Gesetz, welches ohne einen Rechtsgedanken, der durch dasselbe verkörpert wird, mag dieser nun ein richtiger oder ein irriger sein, gar nicht denkbar wäre. Aber jene Behauptung ist auch factisch unwahr. Denn wir haben eine der größten und bedeutendsten Epochen des Judenthums, in welcher es sich gar nicht um das Gesetz, sondern allein um die Lehre handelte, die ganze Epoche des Prophetenthums. Hier galt es den Kampf um die Lehre vom einzigen, unkörperlichen Gotte, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, gegenüber der hervorzuheben, nicht aber eigentliche Glaubensartikel als Bedingungen des Bekenntnisses aufzustellen, nämlich -pr, -.p-y, d. h. Wurzel, Grund, Hauptsache, Anfang, welche Bedeutungen dieses Wort an verschiedenen Stellen des TalmudS hat. Bekanntlich bedeutet daß Wort auch bisweilen Gott selbst als Grund und Ursache aller Existenzen, wie in dem Ausdruck -'pyra -»sra d. h. Gottesleugner. Jedermann siebt aber leicht ein, daß es bei „Grundlehren" immer auf die subjective Ansicht ankommt, wie weit man die Eigenschaft einer Grundlehre innerhalb des großen Lehrinhalts einer Religion ausdehnen will , weshalb es sich auch bei dem Streite um die maimonidischen Jkkarim weniger um deren Inhalt und Glaubenskraft, als vielmehr um die logische Notywendigkeit der einzelnen dieser 13 Artikel, und ob nicht die einen derselben bereits in den anderen enthalten seien, handelt. Auf solche streitige Formeln aber kann ein Bekenntnis; nicht abgefordert werden, sie sind und bleiben nur Lehrformeln, sind aber keine Bekenntnißformeln, Dogmen im kirchlichen Sinne. 21 * /

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