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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-23 · Heft 21 (23.5.1871) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 21 (23.5.1871)
Date
1871-05-23
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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410 meist mit Schwert und Verfolgung, ihre normirten Dogmen auf, hielten daran unveränderlich fest, vermehrten sie aber von Zeit zu Zeit, wie z. B. der jetzige Papst zwei neue Dogmen zu den früheren hinzugefügt hat. Ebenso faßte die prolestanlische Kirche ihre Dogmen in den „21 Leitartikeln der Augsburgiscken Confession" als der „symbolischen Grundlage der evangelischen Kirche" ab. Auch der Islam sah sich frühzeitig veranlaßt, dem Christenthume und den asiatischen Religionen gegenüber eine in normirten Dogmen abgefaßle Glaubenslehre Jlme kelom aufzustellen.*' Das Iudenthum hatte von seinem Beginne an eine solche Nöthigung, normirte und gezählte Glaubenssätze aufzustellen, nicht, und zwar weil es 1) von Anfang an mit einer Nationalität verbunden war, 2) über die Grenzen dieser Nation durch Proselytenmacherei hinauszugehen nicht veranlaßt war,**) 3) weil es in seinem Innern der Sectenbildung ent¬ *> Solcher Glaubensdogmen har die eine Hauptsecte des Islams, die Sunniten, vier, die andere, die Sckiiten, fünf, nämlich außer dem Glauben an das Dasein Gottes, welcher nicht zu diesen Glaubensdogmen gerechnet wird, weil es etwas sei, worüber Niemand in Zweifel oder in Unkenntniß sich befinden könne, sind diese Glaubensdogmen: 1» die Einheit Gottes lteuhid,, 2) die Gerechtigkeit Gottes ledolet), 3) das Prophetenthum (nebüwwet), 4) die Auferstehung vom Tode und das künftige Leben lmi'od), wozu eben die Schiiten ü) die Erbfolge der Jmame (irnamet) hinzufügen. **) Man mißverstehe diese Worte nicht. Dem Iudenthume war es in keiner seiner Phasen gleichgültig, die Wahrheiten, die es lehrte, und die in ihren Prineipien den allgemein menschlichen Charakter enthalten, nicht immer weiter ausgebreitet und endlich die ganze Menschheit durchdringen zu sehen. Wie es schon bei den Vorgängen in Aegypten ausdrücklich heißt: „die Aegypter sollen erkennen, daß der Ewige Gott ist über die ganze Erde," so stellen die Propheten es als das Hauptziel auf, die Gotteserkenntniß, das Recht und der Frieden werden die Völker immer mehr erfüllen, zum Anschluß bringen und zuletzt das ganze Menschengeschlecht sich aneignen. Ihre höchsten Weissagungen gellen diesem Gegenstände, und Iesaiaß und Micha nehmen sogar einen desfallsigen alten Prophetenspruch gemeinsam zur Grundlage ihrer Reden. Daß somit immer mehr Völker sich der Verehrung des einzigen Gottes anschließen werden, sprechen sie wiederholt aus. Aber auch sie gehen dabei von der Ansicht aus, daß diese Wahrheiten nicht durch das Schwert und durch besondere Sendboten, sondern theils durch die überzeugende Kraft der Wahrheit, theils durch die in der Geschichte sich offenbarende göttliche Vorsehung und Vergeltung die Herrschaft über die Völker behrte*), und 4) weil es viele Jahrhunderte keiner Religion mit solchen normirten Dogmen gegenüberstand.**) Selbst als das Christenthum mit seinen Kirchen und erlangen würden. Die Gestaltung der Gotteslehre aber in der jüdischen Nationalität sollte nicht bestimmt sein, die Völker sich ihr so und nicht anders anzueignen. In dieser sollte vielmehr das Mittel der Erhaltung der reinen Gotteßlehre, der Trägerschaft und Zeugenschaft für dieselbe liegen. *) Ursache und Wirkung fallen auch hierin zusammen. Der Mangel an normirten und gezählten Dogmen war wohl zumeist die Ursache, daß sich nur selten und bis auf eine einzige Ausnahme nur vorübergehend Seeten im Judenthume bildeten, und wiederum war es der Wegfall der Sectirerei, welcher die Nöthigung, Dogmen zu normiren, nicht aufkommen ließ. Sehen wir genauer zu, so war es doch nur ein bestimmtes Dogma, welches diejenigen Secten hervorrief, die im Schoße des Iudenthumß erstanden, nämlich das Dogma: ob der Buchstabe des schriftlichen Gesetzes allein, oder ob auch die lraditionelle und auf Grund der Tradition fortgesetzte Auslegung des Gesetzes die volle Verpflichtung für den Bekenner des Judenlhums besitze? Diese, allerdings tiefgreifende Eontroverse schuf, abgesehen von politischen und socialen Motiven, die Trennung der Pharisäer und Sadducäer, welche mit dem Falle Jerusalems verschwand, schuf die Lvslösung der Karäcr, liegt den: Entstehen des Chassidismus zu Grunde, und bildet den eigentlichen Differenzpunct zwischen den Orthodoxen und Reformisten unserer Tage, nur daß diese neueren Erscheinungen nicht wie jene älteren, die Tradition verwerfen, vielmehr sie auch als ihren geschichtlichen Boden bewahren, jedoch den aus ihr geslosienen Satzungen eine unbedingte Verbindlichkeit nicht zuschreiben, vielmehr sie als eine Entwickelung des Judenthums, die wir fortzusetzeu haben, anerkennen. **» Es war dies weder in Aegypten, noch bei den das israelitische Land umgebenden Völkern, z. B. den Phöniziern, der Fall. Als aber nach dem ersten Falle Jerusalems die gefangenen Israeliten einem schon entwickelteren Heidenthume gegenübertraten, machte sich auch schon der bestimtnte Ausdruck der religiösen Verschiedenheit nothwendiger, welcher jedoch weniger das Bedürfnis rer Exulanten für sich selbst, als vielmehr den Völkern gegenüber nothwendig war und sich daher mehr nach den Vorstellungen dieser als nach den israelitischen selbst gestaltete. Wir finden daher ein solches Charakteristicum der israelitischen Religion in den ersten sechs Capp. des Buches Daniel, deren Wichtigkeit nach dieser Seite hin wir erst vor Kurzem in diesem Blatte auseinandersetzten. Der israel. Gottesbegriff wird da immer wiederholt in rr„Gott des Himmels" charakterisirt und erklärt: „Er ist der lebendige und ewig bestehende Gott, deffen Reich nicht zerstört wird und deffen Herrschaft biö ans Ende." (tz, 27).

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