Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1871)
- Date
- 1871-05-16
- Page
- Seite 307 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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307 ' St. Petersburg, 14. Januar 187!. Wir übertragen aus dem hier erscheinenden ,,Hameliz" Folgendes: An die Mitglieder des Aufklärungsvereins. Wer mit der Geschichte der Aufklärung der Juden vertraut ist, wird keinen Augenblick daran zweifeln, daß die. hebräische Sprache der Quell all' dieser Aufklärung und, als das Gemeinsame im jüdischen Volke, das ausschließliche Mittel ist, Bildung und Wissen in demselben zu verbreiten. Bon diesem Gesichtöpuncte gingen wir bei Begründung unseres Vereins aus, als dessen Ziel und Zweck wir bezeichnten: jüdische Autoren.zu unterstützen, damit sie wissenschaftliche Werke herauszugeben im Stande wären, und unsererseits die Aufgabe zu übernehmen, die geschaffenen Leistungen in allen Classen des jüdischen Volkes zu verbreiten und demselben als Mittel der Bildung und Belehrung zugänglich zu machen. Zu unserem Schmerz jedoch hat in jüngster Zeit eine andere Ansicht Platz gegriffen. Die jungen Männer, welche in den Gymnasien und Universitäten ihre Studien getrieben und im Zusammenhänge damit ohne Kenntniß der heiligen Sprache geblieben sind, ziehen gegen dieselbe zu Felde, unter dem Vorgeben, daß sie veraltet, zum Gebrauch und Verkehr nicht mehr lebenskräftig, und, ein Erbe der Alten, ohne Werth und Bedeutung für die jüngere Generation sei, die dem Zeitgemäßen nach strebt. Die wahre Bildung vermöge das Volk nur aus der fremden Literatur zu gewinnen. Diese Auslassungen werden nicht etwa in engeren Kreisen gethan, in denen sie ihre Widerlegung finden könnten, sondern in der großen Oesfentlichkeit, und sind. Schuld daran, daß der gebildete Russe, dem das jüdische Leben und Wesen fremd ist, gegen die jüdische Sprache und Literatur eingenommen wird. Thatsächlich machte sich diese Erscheinung selbst in dem Verhalten des Aufklärungsvereins geltend, der sich genöthigt sah, die ursprünglich vorgezeichneten Bahnen nicht streng genug einzuhalten, um nur dem Verdacht des Qbseurantismus zu entgehen. So blieben die. bereits erzielten Resultate des Vereins werthlos, und selbst diese wurden so vielfach angegriffen, daß der Verein es vorzog, seine Thätigkeit gänzlich einzustellen. Unter solchen Umständen erachte ich es für angezeigt, den Mitgliedern des Aufklärungsvereins meine Ansicht klar und deutlich auszusprechen und den großen Einfluß der hebräischen Sprache auf die Cultur der Juden in Rußland durch nachstehendes Programm einleuchtend zu machen: 1) Der Verein soll Autoren auffordern zur Abfassung einer Preisfchrist über den Werth und Einfluß der hebräischen Sprache für die Bildung der russischen Juden. Es soll darin dargestellt werden, wie sehr die jüdischen Autoren in Deutschland und anderswo durch ihre schriftstellerischen Leistungen auf den geistigen Fortschritt ihrer Glaubensgenossen im Allgemeinen, und wie viel die in hebräischer Sprache abgefaßten Schriften auf die Juden in Rußland im Besonderen ein gewirkt haben. Es soll gezeigt werden, daß gerade jene literarischen Erscheinungen die erste geistige Regsamkeit unter den russischen Juden geweckt haben, und daß damals zuerst die Namen Derer auftauchten, deren Streben und Wirken auf geistige Bildung und vernünftiges Leben gerichtet war. Derart soll ein unanfechtbares Zeugniß abgegeben werden von dem Brldungsftand der Inden in unserem Staate zu Anfang des. jetzigen Jahrhunderts , als die ersten wissenschaftlichen Werke hierher gelangten, wie sehr dadurch der Sinn für Lehr- und Bileungsanstalten und für Erlernung der Landessprache, oder für Obscurantismus und Chassidismus geweckt und genährt wurde. 2) Diese Schrift soll in russischer Sprache abgefaßt sein. 31 Der Verfasser, der nach dem Urtheil des Vereins die aufgestellten Forderungen erfüllt hat, erhält von demselben den Preis von 500 Rubeln; außerdem wird das Manuscript auf Kosten des Vereins gedruckt, und der Verfasier erhält 200 Freiexemplare. 4) Ist die Materie zu umfangreich,, um mit einem Mal ihren Abschluß zu sinden, so bleibt es dem Verein anheimgeftellt, dem Verfasser für die unvollendete Arbeit den Preis von H50 Rubeln zu bewilligen, 5) Der Termin zur Ablieferung der Preisschrift wird auf den 1. Januar 1872 festgesetzt. Ich gebe der Hoffnung Raum, daß der Verein meine Darlegung für zeitgemäß halten und die Ausführung ungesäumt in Angriff nehmen wird. Ferner gehe ich davon aus, daß der Verein als solcher mit feinen Mitteln, nicht aber ein Einzelner in seiner Munificenz die Sache in die Hand nehme, damit der Charakter des Vereins sich bewähre uud ihm ein unvergängliches Ehrengedächtniß gegründet werde in den Herzen der Juden und der Gebildeten Rußlands. L. Rosenthal. Am 31. Januar wurde der Antrag des Herrn Rosenthal den Mitgliedern des Vereins unterbreitet, und Herr Professor Di-. Chwolsohn zur gutachtlichen Aeußerung darüber hinzugezogen, woraus der Verein einhellig seine Zustimmung erlheilte und dem Magister Herrn Harkawi die Forinnlirung der Bedingungen zur Abfasiung der Preisschrift übertrug. Danach lauten dieselben wie folgt: 11 Der Bewerber um den Preis hat zu untersuchen, ob der Gebrauch der hebräischen Sprache anzuempfehlen sei oder nicht; das heißt, ob die in hebräischer Sprache verfaßten wissenschaftlichen Werke zur Bildung beitragen, insonders, ob sie geeignet sind, unter den tussischen Juden Wissen und' Erkenntniß zu verbreiten. 2) Diese Untersuchung soll in geschichtlicher Methode und im Geiste der Gegenwart geführt werden'. 3) Zu diesem Zwecke soll der Autor sichere Data aus der Geschichte sammeln, welche den Bildungsstand