Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1871)
- Date
- 1871-05-16
- Page
- Seite 400 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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400 So spricht ein officiöses Blatt! Man sieht übrigens, daß diese Leute selbst kein großes Vertrauen setzen auf die Pflichttreue der Grenzwächter, denen mit einigen Rubeln wohl beizukommen sein mag. Denn sie rufen jeden Bürger auf, über die Ausführung der obigen Maßregel, die sich seit 18-13 als unausführbar erwiesen, zu wachen; sie scheinen also jeden rumänischen Bürger berechtigen zu wollen, dem Fremden den Nachweis seiner 5000 Piaster abzuverlangen. Dies würde aber eine große Gefahr für jeden Fremden, der 5000 Piaster bei sich hat, eröffnen. Wer steht ihm dafür, daß nicht schon die Greuzwächter ihn seiner 5000 Piaster berauben und ihn entweder dann als' unlegitimirt fortjagcn oder todtschlagen? Wer sieht ihm dafür, wenn er glücklich den Grenzwächtcrn entgangen, daß ihn nicht der erste beste rumänische Bürger ausplündert oder todtschlägt? Ja, jeder Fremde ist nunmehr in Rumänien in größter Lcbcngefahr, da ihn Jedermann im Besitz von wenigstens 5000 Piastern glaubt. Diese Warnung ist unsrerseits durchaus kein Scherz, so lange das „Ministerium der Ordnung" entschlossen ist, jene obige weise Maßregel auszuführen. Jedoch ist hier zu Lande Beschluß und Ausführung nicht ein und dasselbe. Rußland. Warschau, im April. (Privatmitth.) Nirgends wohl hat die einmüthige Kundgebung, durch welche seitens des ersten deutschen Reichstags am 5. April d. 2. den im Auslande lebenden Deutschen für ihre, während des nunmehr so glücklich und ruhmreich beendeten Krieges gegen Frankreich bewiesene 'Haltung, Dank und Anerkennung gezollt wurde, solch freudige, erhebende Genugthuung wie hier in Polen erregt; denn nirgends wohl ist die Gehässigkeit gegen Deutschland, sind die Sympathien für Frankreich in einem stärkeren Grade hcrvorgetretcn, als in demjenigen Lande, welches durch eine mehr als hundertjährige Tradition aus politischen und psychologischen Gründen zur französischen Nation in den intimsten Beziehungen steht. Die schwersten Proben ihres StoiciSmuS und ihrer Anhänglichkeit am Vaterlande hatten aber unstreitig die im Königreich zahlreich lebenden deutschen Israeliten abzulegen. Denn diesen gegenüber hieß es, außer den bekannten Angriffen, Anklagen, Verhöhnungen, Verwünschungen, seitens der Polen nnd der Russen, seitens der Juden (selbst solcher, die sonst nicht viel Interesse für das Judenthum an den Tag legen) und der Nichtjuden immer in derselben Tonart und Stimmung noch ganz besonders: „Wie könnt Ihr für ein Land patriotisch fühlen, welches Euch und Eure Religion noch immer so sehr zurücksetzt; wo Ihr mühsam, Schritt vor Schritt für Euer gutes Recht, für den geringsten Fortschritt in der Anerkennung Eurer staatsbürgerlichen Stellung kämpfen müßt; wo das religiöse Vorurtheit noch so stark und so weitverbreitet ist, daß man sowohl in den höheren wie in den niederen Gesellschaftsclassen mit dem Wort „Jude" irgend einen Schimpf verbinden zu dürfen glaubt! Dagegen Frankreich! Da wird seitens des Staates zwischen der einen und der anderen Confession und ihren Bckennern nicht der geringste Unterschied gemacht; da haben Juden ebenso gut wie Christen die höchsten Staatsämter und Würden inne; von Frankreich ist die Emancipation der Juden ausgegangen; wäre Frankreich nicht gewesen, so würdet Ihr vielleicht noch heute in Euren Ghettis eingeschlossen und Eure Kleider mit dem gelben Schandfleck behaftet sein!" Und wie man hier den Deutschen im Allgemeinen, um ihnen die Freude an den unvergleichlichen Siegen der deutschen Armeen zu verleiden, das Wiederaufleben der heiligen Allianz, der schrecklichsten Reaction, des Militarismus, des Krautjunkerthums n. s. w. trotz der großen Opfer an Gut und Blut seitens des ganzen Volkes, in sichere Aussicht stellte, so rief man den deutschen Israeliten noch ganz besonders zu: „Heute verspritzen jüdische Jünglinge und Männer, wie sie es in den Jahren 1860 und 64 gethan, wie sie es in den Freiheitskriegen gethan, ander Seite ihrer christlichen Mitbrüdcr mit derselben freudigen Unerschrockenheit wie diese ihr Blut für das Vaterland, bringen die Zurückgebliebenen für dieses die bedeutendsten materiellen Opfer, und dennoch — Ihr werdet es sehen — wird man Euch auch fernerhin Eure guten Rechte streitig machen; wird man Euch nach beendigtem Kriege wieder in Eure frühere Stellung der Ab- und Ausgeschlossenheit znrückvrängeu; wird man Euch auch in der Folge zurufen: „Du bist Jude, deshalb kannst Du dieses oder jenes nicht werden; Du bist Jude, deshalb bist Du nicht würdig und fähig, dieses oder jenes Amt zu bekleiden!" Es ist wohl keinem in solcher Weise Angegriffenen oder Verhöhnten schwergefallen, die Unhaltbarkeit dieser Gründe für