Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1871)
- Date
- 1871-05-16
- Page
- Seite 397 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226819--29482-3252322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
397 das Elaborat übergeben. Las Elaborat wird nun an die größeren Cultusgemeinden versendet werden, denen zur Abgabe gutachtlicher Aeußerungen ein Präclusivtermin gestellt werden soll, um jeder Verschleppung vorzubeugen und die Eröffnung der bezüglichen Lehrkanzeln schon im nächsten Jahre zu ermöglichen. Die Professoren der jüdisch - theologischen Faeultät sollen über Vorschlag des Curatoriums ernannt werden. Es soll dieser Faeultät, wie jeder andern, freistehen Ehrenpromotionen vorzunehmen. Wie ich ferner höre, beabsichtigt der Eultusminister Herrn Baron Jonas Äönigswarter als Präsidenten des CuratoriumS Sr. Majestät vorzuschlagen. —. Die hier erscheinende „Presse" befürwortet in einem Leitartikel, daß im Eultusministerium ein Jude als Referent für jüdische Cultnsangelegenheiten bestellt werde, ebenso wie der Weihbischof über katholische und ein Protestant über protestantische Eultusangelegenheiten das Referat hat. Zambor «Ungarn), 5. Mai. Von hier wird ein eigenthümlicher Fall gemeldet, der im Augenblicke dem ungarischen Justizministerium zur Entscheidung vorliegt. Ein dortiger Einwohner jüdischen Glaubens unterhielt mit einer Christin ein Vcrhältniß, das nicht ohne Folgen blieb. Der Vater erklärte sich bereit, den jungen Weltbürger zu adoptiren, wenn es ihm gestattet sei, denselben im Glauben seiner Väter zu erziehen. Die Mutter gab hierzu ihre Einwilligung, und so ward das Kind nach allen Vorschriften des Judenthums in den rituellen Bund ausgenommen. So weit lief die Sache ziemlich glatt ab. Als jedoch der Pfarrer der Stadt von dem Ereignisse Keuntuiß erhielt, nahm der confessionellc Kampf seinen Anfang. Aus die erfolgte Anzeige beim Magistrate, daß das Kind einer Christin im jüdischen Glauben erzogen werde, wurde die behördliche Wegnahme des Knaben aus dem Hause seines Vaters angeordnet und an demselben der Act der Taufe vollzogen. Dagegen erhoben nun Vater und Mutter Einsprache und wurde von ihnen der Rccurs an den Eultusminister ergriffen, welcher den Vorfall an die kompetente Stelle, an das Justizministerium, leitete, wo nun der Gegenstand seiner Entscheidung entgegensieht. (Immer derselbe Zwang von Seiten der Geistlichen den Aeltern gegenüber, welche mit einander einig sind!) Aus Ungarn, t. Mai. (Privatmitth.) Wir haben in Ungarn nach einander in kurzen Zwischenräumen das merkwürdige Schauspiel von drei Kirchencongressen gehabt. Es liegen nun. bereits die Statuten des israelitischen, serbischen (gr. n. u.) und katholischen Congresses vor, die überall mehr Zank und Hader, mehr Zwiespalt und Disharmonie als Ordnung hervorgerufen haben. Betrachtet man diese Elaborate, so muß man gestehen, daß unserer Zeit, namentlich auf dem kirchlichen Gebiete, die Fähigkeit zu legislativen Schöpfungen völlig abgeht. Als der israelitische Congreß in Pest tagte, dr konnte es selbst die liberale Presse nicht unterlassen , manche höhnische Bemerkung zu machen. Die Vorgänge im katholischen und besonders im serbischen Congresse haben die Spötter und Schmäher des Judenthums zürn Schweigen gebracht. Tie religiösen Streitigkeiten sind wutatis mutavckis überall dieselben und sie gleichen sich wie ein Ei dem andern. Die beiden Interpellationen von Giczh und Schwarz haben ein gewaltiges Echo im ganzen Lande gesunden, und die Beantwortung derselben vom Cultusminister Pauler hat in der Presse eine heftige Kritik erfahren. Jedenfalls ist so viel gewiß, daß der Eultusminister das placetnm regium als zu Recht bestehend betrachtet und daß die Beschlüsse des katholischen Eongreff'cs, um rechtskräftig zu werden, erst vor den Landtag gebracht werden müssen. Die bloße Sanctiouirung des Königs ohne Landtag wird also, wie dies die Ultramontanen glaubten und wünschten, nicht stattfinden. Die Orthodoxen in Ungarn, oder besser gesagt, die Schomre-Hadath-Partei jubelt über diese Erklärung des Ministers, weil sie dadurch ihren Prorest beim Landtage gegen die Beschlüsse dcS israel. Eongresses, die bloß vom König sanctionirt wurden, Ü6 Mro und de facto vollkommen gerechtfertigt finden. Wie man vor Kurzem in den Zeitungen gelesen, hat der israelitische Congreßausschuß, welcher vor wenigen Wochen in Pest tagte, beschlossen, einen zweiten Congrcß im Anfänge des Jahres 1872 einzuberufen. Es wäre dies wahrlich unter den jetzigen Verhältnissen ein arger Mißgriff! Denn hat man allgemein von dem ersten israelitischen Congresse mit Recht behauptet. daß er eine unzeitige Frühgeburt war, so würde dies noch mehr von dem zweiten gelten. Das Drangen